#

Sie legten den Grundstein

Über Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher

Gui Bonsiepe in der HfG Ulm (während einer Besprechung der Studierenden mit Inge Aicher-Scholl zur Situation nach der Trennung von Max Bill) am 22. Februar 1956. Foto: Hans G. Conrad. © René Spitz

Die Gründung der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm durch Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und Max Bill im Jahr 1953 stand in der Tradition verschiedener Strömungen: eines christlich fundierten Humanismus, eines kulturellen Kosmopolitismus und des Widerstands der Geschwister Scholl.

In den Sommerferien der HfG Ulm 1958 plante Otl Aicher eine Serie von sechs ganzseitigen Anzeigen, die in der Schweizer Zeitung Die Weltwoche veröffentlicht werden sollten. Gegenstand der Anzeigen waren die Geräte der Firma Braun: Küchengeräte, Audiogeräte, Rasierer, Diaprojektoren, Blitzgeräte. Im Rahmen dieses Projekts lud mich Otl Aicher ein, an den Texten der Annoncenserie mitzuwirken. Sie spiegelten die Einstellung Otl Aichers wider: Kein Auf-die-Paukeschlagen, keine Superlative, die Objekte sollten gleichsam für sich selbst sprechen. Im Grunde ging es um eine Werbung, die keine Werbung sein wollte. Sie sollte weniger überreden als überzeugen – Argumentation anstatt Persuasion. Diese persönliche Erfahrung bildet den Hintergrund meiner kurzen Erzählung.

Das Ehepaar Aicher-Scholl hatte ein geräumiges Bauernhaus im Tessin gemietet, in dem mir ein Zimmer zur Verfügung stand. Otl Aicher skizzierte die Ausrichtung der Annoncen, wählte die thematischen Fotos aus, und den Rahmen für die Kurzgeschichten, für die das Foto als Aufhänger diente. Als Student – und nicht nur als Student – war meine Achtung für Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher hoch – nie hätte ich mir die Vertraulichkeit erlaubt, diese beiden Personen mit ihrem Vornamen anzureden, auch nicht in späteren Jahren.

Mich beeindruckte die ruhige, souveräne Art des Umgangs seitens Inge Aicher-Scholl. Wie auch die Prosa der Flugblätter ihrer Geschwister und deren Freunde lag ihr eine kombative, konfrontative Prosa fern, wie sie für militante Gruppierungen kennzeichnend ist. Hätte sie die Schriften von Riane Eisler gekannt, dürfte sie deren Einstellung geteilt haben: Abbau von Machtstrukturen, die das Zusammenleben der Mitglieder einer Gesellschaft unterminieren. Heute existieren anthropologische Untersuchungen über die Existenz herrschaftsrenitenter, von Frauen geprägter Gesellschaften, zum Beispiel auf Kreta. Lebensformen ohne aggressiven Wettbewerb waren – und sind – möglich.

Statt für ihre 1943 in München hingerichteten Geschwister Sophie und Hans Scholl gleichsam eine rituelle Gedenkstätte zu schaffen und damit die Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand wachzuhalten, zog sie es vor, eine aktive Form der Erinnerung zu fördern in Form einer breit angelegten Ausbildungsstätte mit dem Ziel, dem (Wieder)Aufkommen autoritärer, faschistischer Kräfte vorzubeugen. Bekannt ist der Beitrag Max Bills, dieses breit angelegte politische Programm auf einige Gestaltungsdisziplinen gebündelt zu haben. Durch das Hinzukommen von – wie Bill sie nannte – Exoten, erhielt dieses Programm eine kosmopolitische Öffnung internationalen Zuschnitts. Dass ein derartiges Programm nicht mit Einnahmen aus den (niedrigen) Studiengebühren und aus Industrieaufträgen finanziert werden konnte, dürfte auch klar gewesen sein. Im Laufe der kurzen Geschichte des Experiments HfG Ulm zeigte sich diese Schwachstelle in unverminderter Härte. Die HfG Ulm war permanent einem aufreibenden Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, zumal sie sich konstitutiv dem in der deutschen Geschichte so fest verankerten Gehorsamkeitssyndrom gegenüber der Obrigkeit widersetzte. Die HfG Ulm war eine Hybridinstitution, die sich auf zwei Diskurswelten gründete: Einen mit lokaler Tradition verbundenen christlich fundierten Humanismus und einen kulturellen Kosmopolitismus, ohne den die HfG bestenfalls ein Experiment auf lokaler Ebene geblieben wäre.

Die HfG Ulm ist ein unvollendetes Projekt, gleichsam ein Vorgriff auf eine Gesellschaft, deren Zeit noch nicht gekommen war.

Für Otl Aicher, der nie ein Held sein wollte – und nicht nur für ihn – musste diese Abhängigkeit vom Staat ständiger Grund für Sorge gewesen sein. Er hegte keine Sympathie für den Staat als Machtinstitution. Humorvoll, wenn denn derlei in der Misere eines Krieges möglich ist, schildert er seine mit einer Dosis von Bauernschläue ersonnenen Vorhaben, in einem sinnlosen Krieg, mit dem ihn Nichts verband, zu überleben und zu vermeiden, in sowjetische Gefangenschaft zu geraten. So zum Beispiel entdeckte er einen Zug beladen mit zerschossenen Panzern, von denen er annahm, sie würden nach Deutschland zur Reparatur transportiert werden, und richtete sich für einige Tage des Überlebens in einem der Stahlkolosse ein. Zu seinem Schrecken merkte er, dass der Zug in die entgegensetzte Richtung fuhr und stieg bei der nächsten Gelegenheit um.1

© HfG Archiv / Museum Ulm

In seinen Aufzeichnungen berichtet er – ohne Kommentar – ein entlarvendes Detail, das die Herrschaft des autoritären Staates in Form von Bürokratie als Form entfremdeter Existenz exemplifiziert: Die Eltern der in München hingerichteten Sophie und Hans Scholl wurden zur Gerichtskasse zitiert, um die Gebühren der Hinrichtung ihrer Kinder zu begleichen.

Von heute aus gesehen ist die HfG Ulm ein unvollendetes Projekt, gleichsam ein Vorgriff auf eine Gesellschaft, deren Zeit noch nicht gekommen war, und das zudem in die Phase der Ost-Westkonfrontation fiel. Ein derartiges Klima bot den Nährboden für Verdächtigungen seitens konservativer Kräfte, mit einem ideologischen Überhang aus einer Phase der Geschichte, die 1945 beendet sein sollte, die aber – wie sich herausstellte – durchaus nicht beendet war.

Am 22. Januar 1989 wurde in Ulm die Ausstellung über die HfG mit dem Titel Die Moral der Gegenstände eröffnet. Sie war vorher in Berlin und Paris gezeigt worden. Otl Aicher fragte sich, ob der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Lothar Späth, an dieser Eröffnung teilnehmen würde, als zur gleichen Zeit in Tübingen eine Ausstellung der Werke von Paul Klee gezeigt wurde. Lothar Späth optierte für die Kunstausstellung, was Otl Aicher zu dem Kommentar veranlasste, dass der Ministerpräsident wohl instinktiv fühlte, dass Design explosiv wirken könnte.2

Lothar Späth antwortete auf die Frage eines Journalisten, wie er denn zum Ende der HfG Ulm stünde, dass die Parteispitze seinerzeit beschlossen hatte, das Narrativ der politischen Ursachen des Endes der HfG als einer – vermeintlichen – Brutstätte wie er es formulierte „unheimlicher“ Ideen zu kippen und durch ein Ersatznarrativ auszuwechseln.3 Dieses war leicht herbeizuschaffen: Die internen Konflikte, die für eine sensationshungrige Presse reichhaltiges Material boten. Das Ersatznarrativ avancierte gleichsam zur bevorzugten Standarderzählung über die Ursachen des Endes eines vielversprechenden kulturellen Experiments der Bundesrepublik Deutschland: die Ursache des Endes der HfG sei in der Starrköpfigkeit der Dozenten und ihrer mangelnden Verhandlungsbereitschaft zu suchen. Die HfG-ler hätten im Kopfstand vom Münsterplatz auf den Kuhberg marschieren können – es hätte zu nichts genützt. Auf höchster lokalpolitischer Ebene war die Entscheidung gefallen.

Das Ende des von ihnen initiierten Projekts dürfte Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher – und nicht nur sie – schwer getroffen haben. Doch dieses Ende schmälert nicht die Größe des Vorhabens, den Grundstein für eine neue kosmopolitische technisch-industrielle Zivilisation zu legen. Dieser Vorgriff blieb unabgeschlossen. Seine Initiatoren hatten die Macht konservativer, regressiver Interessen unterschätzt.

Gui Bonsiepe (geb. 1934 in Glücksburg) studierte und lehrte an der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG) (1955–68) und der Köln International School of Design (1993–2003). Zudem lehrte er in verschiedenen Ländern Lateinamerikas, wo er auch als Gestalter und Berater für Industrialisierungspolitik tätig war. Seine Schriften zählen zu den Standardwerken der Designtheorie: 1996 erschien „Interface: Design neu begreifen“ und 2009 „Entwurfskultur und Gesellschaft: Gestaltung zwischen Zentrum und Peripherie“.

Anmerkungen

  1. Otl Aicher: innenseiten des kriegs, Frankfurt am Main 1985, S.125 ff.
  2. Otl Aicher: „kultur des staates“ In: schreiben und widersprechen, S. 202-210. Berlin, 1988/1993.
  3. Lothar Späth: “I believe in the Young Generation – They will do it.” In: Jahrbuch 10 – Things Beyond Control, Nadine Jäger, Jean-Baptiste Joly, und Konstantin Lom (Hrsg.), Stuttgart: Akademie Schloss Solitude, 2010.