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Die kommunikative Küche: Aichers Rezepte für Bulthaup

„Die Küche zum Kochen” – Genese eines Buches, das noch immer aktuell ist

Aicher respektierte den historischen, bäuerlichen Küchenraum in seinem Wohnhaus in Rotis. Der von ihm konzipierte, zentrale Arbeitstisch wurde für Bulthaup zum Prototypen. Foto: Gerrit Terstiege

Rund ein Jahrzehnt lang, von 1981 bis 1991, waren Otl Aicher und sein Team für den Küchenhersteller Bulthaup tätig. Die Zusammenarbeit brachte mit „Die Küche zum Kochen” ein lesenswertes, nach wie vor relevantes Buch hervor – und prägt bis heute das bayerische Unternehmen. 

Wenn man Otl Aichers Jahre in Rotis betrachtet, fällt eines auf: In den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens ging es ihm verstärkt darum, sich in die Projekte, die er übernahm, einzubringen – sie zu prägen. Eine mittlerweile ungewöhnliche Herangehensweise. Leiter und Inhaber von Designagenturen müssen heute darauf achten, Projekte effizient zu managen. Ihnen geht es darum, in knapp bemessener Zeit mit ihrem Team visuelle Auftritte zu entwickeln, mit denen sich Unternehmen im Wettbewerb behaupten können. Aicher war in der Position, einen ganz und gar eigenen Weg zu gehen. Überliefert und oft kolportiert sind Aussagen Aichers wie „ich bin kein Firmenanstreicher” – als hätte dies irgendjemand behauptet. Für ein Unternehmen ein funktionierendes und zur Identität passendes Erscheinungsbild zu entwickeln – meist auf der Basis von etwas Bestehendem – war und ist keine leichte Aufgabe. Man hat es oft mit einer Vielzahl von ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen zu tun, die an einen Designer oder eine Designerin herangetragen werden. Auftraggeber haben manchmal eigene Gestaltungsideen im Kopf und suchen eigentlich nur noch jemanden, der diese umsetzt. Wenn Aicher auch nur im Ansatz eine derartige Sichtweise spürte, trat er auf die Bremse. Denn er wollte mehr geben – und verlangte auch mehr von seinen Auftraggebern, die sich zu ihm auf den weiten Weg nach Rotis machen mussten. 

Schreiben von Bulthaup an Aicher: der Briefkopf zeigt noch das alte Logo. © HfG-Archiv / Museum Ulm

Schreiben von Bulthaup an Aicher: der Briefkopf zeigt noch das alte Logo. © HfG-Archiv / Museum Ulm

Gerd Bulthaup (1944 – 2019) gehörte zu einem kleinen Kreis von Geschäftsführern, die diese Mühen in Kauf nahmen. Er muss gespürt haben: Wer mehr von sich gab, bekam auch irgendwann mehr von Aicher als bloß ein neues Logo und eine elegante Hausschrift. 1978 hatte Gerd Bulthaup die Geschäfte von seinem Vater übernommen. Die Produktionsstätte lag und liegt im Bodenkirchener Ortsteil Aich, was Gerd Bulthaup in gewisser Weise zu einem „Aicher” machte. Seinen grafisch-konzeptionellen Sparringspartner gleichen Namens wird das sicher amüsiert haben. Ich habe Marc Eckert, Neffe von Gerd Bulthaup und seit 2009 Geschäftsführender Gesellschafter des Küchenherstellers, gefragt, was ihm sein Onkel von der Zusammenarbeit mit Aicher berichtet hat. Marc Eckert erinnert sich gut an manche Erzählungen, auch welcher Zufall die Tür geöffnet hatte: „Mein Onkel war mehrere Male nach Rotis gefahren und hatte nicht viel erreicht. Vielleicht war er gar nicht zu Aicher vorgelassen worden, vielleicht dachte Aicher auch einfach: Was will jetzt dieser Küchenfuzzi aus Niederbayern von mir? – und schickte ihn wieder weg. Dann aber war bei einem Besuch meines Onkels in Rotis kurz vorher der Chauffeur eines BMW-Managers mit einer Limousine über den Rasen gefahren und hatte Aicher richtig wütend gemacht. Er war stinksauer. Mein Onkel war wenig später mit seinem roten Alfa Romeo Giulietta angekommen – ein Wagen mit einer ganz anderen Ausstrahlung. Das muss den Autonarren Aicher auf andere Gedanken gebracht haben und er bat ihn zu einem ersten, längeren Gespräch herein.” Wie auch im Fall von Jürgen Werner Braun, dem Geschäftsführer von FSB, hatte eine Empfehlung von Klaus Jürgen Maack, Leiter des Leuchtenherstellers ERCO, Aicher einen neuen Kunden beschert. Von Gerd Bulthaup ist ein Zitat aus der Anfangsphase seiner Zusammenarbeit mit Aicher überliefert, das einmal mehr die Haltung des Designers zeigt: „Otl Aicher fragte mich, ob ich kochen könne. Und als ich verneinte, hat er mir aufgetragen, es zu lernen, ehe ich mich daran mache, die Küche zu verändern.” Das war ein gut gemeinter Rat – oder augenzwinkernd frech – je nachdem, wie man es sieht. 

Doppelseite aus einem Bulthaup-Katalog (1988): Hier wird Kunden der behutsame Einsatz von Farben in der Küche nahegebracht. Foto: Bulthaup

Einen Großteil der Entwurfsarbeit für ein neues Erscheinungsbild, für Plakate, Kataloge, Broschüren und andere Drucksachen, übertrug Aicher seinem Mitarbeiter Hans Neudecker – was nicht heißt, dass Aicher sich da nicht an entscheidenden Stellen einbrachte, um ein klares, asketisches und farbreduziertes Corporate Design für Bulthaup zu schaffen. Neudecker arbeitete übrigens noch lange nach Aichers Tod, bis 2010, als selbstständiger Gestalter für Bulthaup – insgesamt etwa 30 Jahre. Seine Verdienste um den grafischen Auftritt des Unternehmens dürfen hier nicht vergessen werden. Schließlich war Neudecker von Anfang an in verantwortlicher Position für das ab 1981 entwickelte Erscheinungsbild tätig, das zunächst noch Aichers Schrift „Traffic” für die Wortmarke nutzte. Die bis heute verwendete, in Kleinschreibung gesetzte „Rotis” kam ja erst 1988 heraus – wobei die Kleinschreibung der Wortmarke überraschenderweise keine Idee Aichers oder Neudeckers war, sondern schon im Bulthaup-Corporate Design der 1970er erscheint – und sogar Gerd Bulthaup unterschrieb Briefe in Kleinschreibung, wie Dokumente aus dem HfG Archiv zeigen. Andere Agenturen und Grafiker haben seit 2010 auf Basis der Entwürfe von Aicher und Neudecker jeweils zeitgemäße Interpretationen entwickelt, die den Sprung in die Gegenwart schafften, ohne das ursprüngliche Erscheinungsbild zu verleugnen. Die Rotis als Hausschrift hat sich dabei als eine starke Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart erwiesen: sie wurde zur wichtigen Konstante. 

Das Logo der 1970er Jahre – also vor Aicher – zeigte den Firmennamen bereits kleingeschrieben, aber kräftig und kursiv, ergänzt durch einen Slogan. Foto: Bulthaup

Das Logo der 1970er Jahre – also vor Aicher – zeigte den Firmennamen bereits kleingeschrieben, aber kräftig und kursiv, ergänzt durch einen Slogan. Foto: Bulthaup

Zeichnung (Team Aicher) der Bulthaup-Wortmarke in drei Strichstärken. © HfG-Archiv / Museum Ulm

Zeichnung (Team Aicher) der Bulthaup-Wortmarke in drei Strichstärken. © HfG-Archiv / Museum Ulm

Zeichnung (Team Aicher): Das Cockpit als Metapher der Erreichbarkeit von Objekten und Koch-Utensilien von einem zentralen Arbeitsort aus. © HfG-Archiv / Museum Ulm

Zeichnung (Team Aicher): Das Cockpit als Metapher der Erreichbarkeit von Objekten und Koch-Utensilien von einem zentralen Arbeitsort aus. © HfG-Archiv / Museum Ulm

Nur eben fungierte Aicher nicht bloß als Corporate Designer, sondern als wirklich umfassender Unternehmensberater – und bleibt damit einzigartig in seiner Bedeutung für Bulthaup. Das bestätigt auch Marc Eckert: „Viele Agenturen wollen heute eine Maske über ein Unternehmen stülpen. Man findet nur noch schwer solche Individuen wie Aicher – echte Persönlichkeiten, die sich originär auf eine Marke einlassen, die seine dogmatische Klarheit besitzen, auf der Basis der Heritage eines Unternehmens eine Marke neu aufzubauen.”

Die Linienzeichnungen – hier die Aicher-Küche in Rotis – fertigten die Mitarbeiterinnen Reinfriede Bettrich und Rosi Kapp nach Aichers Vorgaben an. © HfG-Archiv / Museum Ulm

Aicher ging es – als wiederkehrendes Prinzip, als Haltung – nicht um die Oberfläche einer Marke, sondern um ihre Tiefe. Am Anfang seiner Tätigkeit für Bulthaup stand daher für ihn an erster Stelle die Reflexion der Küche als gestaltbarer Raum. Die Recherche, Konzeption und das Schreiben des Buches „Die Küche zum Kochen” begann. Recherchieren hieß für den Ulmer in diesem Fall: ein Jahr lang allein und gemeinsam mit Gerd Bulthaup essen zu gehen, sich köstlich in nationalen und internationalen Restaurants bewirten zu lassen, Profiköche zu interviewen und in Großküchen hinter die Kulissen zu schauen. Es versteht sich von selbst, dass der Genussmensch Aicher diesen Teil der Arbeit am Buch nicht nur aus reinem Forschungsinteresse zur Chefsache machte. Aber es ging ihm auch darum, aus dem Bereich der professionellen Küchen Rückschlüsse für private zu ziehen: Werden dort Gas- oder Elektroherde bevorzugt? Werden Pfannen gestapelt oder aufgehängt? In welchen Höhen sind Arbeitsplatten angebracht, welche Maße haben Küchenschränke und Regale? Die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky ist ab 1926 ähnlich strukturiert beim Entwurf ihrer „Frankfurter Küche” vorgegangen – sie soll bestimmte Handlungen und Wege bei der Essenszubereitung sogar mit der Stoppuhr gemessen haben. Ihr Konzept im Geiste des Bauhaus wurde zur Blaupause für alle Einbauküchen. Ob auch etwa um die gleiche Zeit Le Corbusier und Pierre Jeanneret beim Entwurf der Küche in der Villa Savoye mit Stoppuhren hantierten? Eher unwahrscheinlich. Trotzdem finden sich hier einige clevere und formal überzeugende Lösungen – Wandschränke mit Schiebetüren, zentrale hölzerne und gekachelte Arbeitsflächen, zwei Waschbecken, viel Licht – die Aicher gekannt haben wird, da er Le Corbusier und gerade die Villa Savoye so schätzte. Ein krasser Gegenentwurf gegen den Rechten Winkel, so visionär wie folgenlos, darf hier nicht unerwähnt bleiben: die „Kugelküche” von Luigi Colani. Spektakulär angelegt, gedacht als gewölbtes Modul einer raumschiffartigen Architektur, blieb die 1970 präsentierte Studie für den Hersteller Poggenpohl am Ende nur ein futuristisches Schaustück. 

Köstliche Wissenschaft: Rund zwölf Monate recherchierte Aicher in führenden Lokalen, befragte Köche und Gäste. Hier seine Liste zu besuchender Restaurants in München. Foto: © HfG-Archiv / Museum Ulm

Die Form eines Tisches kann das Miteinander beim Essen stark beeinflussen. Skizze: Team Aicher, © HfG-Archiv / Museum Ulm

Die Form eines Tisches kann das Miteinander beim Essen stark beeinflussen. Skizze: Team Aicher, © HfG-Archiv / Museum Ulm

Nichts lag Aicher ferner, als sich in dysfunktionalen Entwürfen zu verlieren. Wer daran zweifelt, lese seinen Text „Der nicht mehr brauchbare Gebrauchsgegenstand”. Ihm ging es um ein echtes Verständnis dessen, was eine moderne Küche leisten muss, wie ihre Struktur beschaffen sein sollte. Die etwa zweijährige Arbeit an dem Buch „Die Küche zum Kochen” eröffnete ihm Möglichkeiten, Grundsätzliches zu diskutieren, Gewohnheiten zu hinterfragen. Es liegt auf der Hand, dass es bei einem Küchenhersteller um genau diesen Raum – und die Abläufe und Prozesse des Kochens geht: Handlungen mit einer Jahrtausende alten Geschichte, bei denen es aus Sicht Aichers um feinste Nuancen ebenso geht wie um Großes: Tradition und Erneuerung. Um Farben. Um Kompositionen. Um Heimat und Kindheit. In gewisser Weise ist die Küche auch ein sehr intimer Raum, der viele Rückschlüsse auf eine Person zulässt und manches offenbart. Der Designer und Architekt Ettore Sottsass schreibt 1992 in seinem Text „Über Küchen”, dass er, wenn er zum Essen eingeladen ist, wie ein Detektiv gerne hinter die Kulissen, hinter die Bühne einer Wohnung schaut, um etwas über die Persönlichkeit seiner Gastgeber zu erfahren: „Deshalb gehe ich, sobald dies möglich ist, in die Küche, um zu sehen, was geschieht, um das Geheimnis des Schauspiels, das geschehen wird, zu entdecken; es ist, als ob man einen Maler in seinem Studio besucht, als ob man seine Biographie liest, als ob man seine Entwürfe, seine Notizen durchforscht, um – wie man sagt – seine Kunst zu begreifen.” 

Küche der Villa Savoye in Poissy, Entwurf: Le Corbusier, Pierre Jeanneret (späte 1920er Jahre). Bereits hier finden sich ein zentraler Arbeitstisch und großzügige Stauräume. Foto: Gerrit Terstiege

Für Aicher indes hatte Kochen nichts von einer Show, die man inszeniert. Es ging ihm dabei vielmehr um die Familie sowie um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In der abgeschiedenen Gegend des Allgäus waren Feste und gemeinsame Essen an Tischen und Bänken auf dem Hof oder im nahen ehemaligen Stall, genannt „Rotisserie”, selbstinitiierte Höhepunkte des gesellschaftlichen Lebens. Ich habe Aichers ältesten Sohn Florian, der heute mit seiner Frau Gabriele im historischen Wohnhaus in Rotis lebt, nach den Kochgewohnheiten und Vorlieben seines Vaters befragt. Er erinnert sich: „Für den Vater war Kochen Freizeit; ich erinnere mich an erste Übungen in den 1960er Jahren, damals mit Maggi-Dosen (Ravioli!). Maggi war damals Kunde. Später kam Eigenes hinzu, besonders nach der Algerien-Reise, zum Beispiel Eierspeise mit Tomaten zum Frühstück. Das Spätzle-vom-Brett-Schaben war immer ein großes Theater! Auch Rettich-Schneiden (nach Omas Art) hatte rituellen Charakter. Schwäbische Küche. Sonntags: Sauerbraten mit Spätzle. Kartoffelsalat. Schupfnudeln mit Sauerkraut. Ab den 1980er Jahren bekam Saison-Gemüse aus dem Garten mehr Gewicht. Geliefert vom Vater, verkocht von den Köchinnen. Später auch Eigenkreationen („Kochen ohne Rezept“). Berüchtigt: die „Otl-Suppe”. Noch Jahre nach seinem Tod war die Gefriertruhe voll davon. Das Problem dabei: Niemand wollte sie, denn der Kürbis war samt Kernen verkocht.”  

Es ist schon etwas Besonderes, diese Küche heute in Augenschein zu nehmen. Man versteht einen Raum erst wirklich, wenn man ihn betritt – selbst wenn man ihn von Fotos bereits kennt. Dann erst bekommt man ein Gefühl für Proportionen, Oberflächen, Dimensionen und Details. Wenn die Vorstellung nicht so absurd wäre, könnte diese Küche mitsamt allen Elementen und Utensilien heute in einem Museum wie der Neuen Sammlung in München stehen: Kuratoren würden Töpfe, Schubladen und Türen nur mit weißen Stoffhandschuhen anfassen, manches wäre vielleicht hinter Glas geschützt, ein Betreten oder gar Berühren wäre völlig ausgeschlossen. Dass Florian Aicher und seine Frau Gabriele diese Küche bis heute ohne Ehrfurcht und ganz alltäglich nutzen, entspricht ihrem Konzept doch weit mehr, als sie wie einen seltenen Schmetterling in eine Vitrine zu verbannen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass Otl Aicher diesen Raum in seinen Grundfesten nicht verändert hat: es ist die traditionelle, bäuerliche Küche in seinem Haus – der Raum war immer schon mit dieser Funktion belegt. Die vielleicht wichtigste Modifikation, die Aicher vornahm, ist die Schaffung eines zentralen Arbeitstisches, der zum Prototypen für Bulthaup wurde. In seiner Mitte befindet sich ein quadratisches Loch, um bei der Zubereitung anfallende Reste schnell entsorgen zu können – denn unter dem Loch steht ein Eimer, der Küchenabfälle aufnimmt, so dass diese später dem Kompost zugeführt werden können. Scherzhaft soll Aicher eben diese Aussparung – „ein Nichts” – als das Wichtigste bezeichnet haben, was er je entworfen hat. 

Verworfener Umschlag-Entwurf in gelb (Ausschnitt). © HfG-Archiv / Museum Ulm

Aktuelle Ausgabe mit neuem Untertitel aus dem Ökobuch Verlag. Foto: Gerrit Terstiege

Aktuelle Ausgabe mit neuem Untertitel aus dem Ökobuch Verlag. Foto: Gerrit Terstiege

Man gewinnt bei der Lektüre seines Buches „Die Küche zum Kochen” viele Einsichten, warum diese Entscheidung so bedeutsam ist. Der Untertitel der ersten Auflage, erschienen 1983 im Callwey Verlag, lautete nämlich: „Das Ende einer Architekturdoktrin”. Hier wird also ein Neuanfang ausgerufen, der sich gerade nicht mit der Anordnung von Arbeitsflächen und der Aufbewahrung von Utensilien an bestehenden Wänden orientiert, sondern beides frei im Raum platziert: Über dem Tisch schwebt, von der Decke hängend, ein quadratisches Gittergestell, das alles zur Zubereitung Wichtige schnell greifbar macht. Bulthaup hat genau diese Kombination in den 1980er Jahren produziert und Aichers Idee Wirklichkeit werden lassen. Wann hat jemals ein ursprünglich rein grafisch arbeitender Gestalter ein Produktdesign realisieren können? Nicht in Kleinauflage, sondern als Serienprodukt. Mir ist kein vergleichbarer Fall bekannt. 

Die Kücheninseln aus dem aktuellen Bulthaup-Programm sind in gewisser Weise bis heute die Nachfahren dieser Idee eines gemeinsamen, einander zugewandten Arbeitens in der Küche. Man steht nicht mehr mit dem Rücken zum Raum, sondern bewegt sich freier, kann Positionen wechseln und miteinander ins Gespräch kommen. Doch auch dieser innovative Ansatz hat eine lange Tradition, wie ein Großküchen-Panorama in Aichers Buch zeigt. Natürlich findet sich auch diese Darstellung als abstrahierende Strichzeichnung im Buch, nach Aichers Vorgaben umgesetzt von seinen Mitarbeiterinnen Rosi Kapp und Reinfriede Bettrich. Hier sieht man eine historische Großküche mit über 20 Personen, die der Grafiker so kommentiert: „Im Gegensatz zu heute arbeiten in dieser Restaurantküche in Paris aus den Tagen der „Grande Cuisine” nur wenige Personen zur Wand hin. Selbst das Reinigen von Geschirr und Besteck rechts im Bild erfolgt an einem Tisch. Auch Kochen und Anrichten wird an Inseln im Raum vorgenommen. Die Arbeit zur Wand hin schaltet den Gesichtssinn ab und bringt Kommunikation zum Erliegen.”

Heute ist das Zusammenwachsen von Küche und Wohnraum und die immer größere Flexibilität selbst von Schränken und technischen Einheiten auf Rollen Wirklichkeit geworden. Aicher hatte auch dies vorgedacht. Technische Neuerungen wie z. B. flexible, textil ummantelte Schläuche für die Zu- und Abfuhr des Wassers haben dazu geführt, elementare Küchenfunktionen aus ihrer Fixierung zu befreien. Aicher hat auch diese Öffnung zum Raum hin vorausgesehen. In seinem Buch schreibt er: „Eine wirklich gute Küche überwindet die Trennung von Wohnraum und Küche.” Und an anderer Stelle heißt es: „Die Küche wird zum neuen Zentrum des Wohnens. Der häusliche Herd ist ein Synonym für Mittelpunkt.” Und genau diese Auffassung der Küche als Mittelpunkt des Lebens und Wohnens, als Motor und Basis von Kommunikation und Miteinander, hat bis heute Bestand. Oder anders gesagt: „Das Ende einer Architekturdoktrin” wurde zu einem Anfang.

Der von Bulthaup nach Aichers Entwürfen – und nach Studien in seiner eigenen Küche – produzierte Arbeitstisch mit zentralem Entsorgungsloch, in einem Katalog der späten 1980er Jahre. Foto: Bulthaup

Gerrit Terstiege (*1968) studierte an der KISD u.a. bei Gui Bonsiepe und dem Aicher-Mitarbeiter Heiner Jacob sowie an der Glasgow School of Art. Er war lange Jahre Chefredakteur der Designzeitschrift form. Terstiege führte zahlreiche Interviews mit Absolventen der HfG Ulm, darunter Alexander Neumeister, Franco Clivio und Reinhold Weiss. Heute arbeitet er als Berater für Design-Unternehmen, lehrt an Schweizer und deutschen Hochschulen und ist als Journalist und Texter an den Standorten Freiburg und Mülheim/Ruhr tätig. Terstiege schreibt regelmäßig für Zeitschriften wie Art, Mint und Rolling Stone sowie für Webseiten wie ndion.de und monopol-magazin.de. Darüber hinaus ist er Herausgeber der Bücher „The Making of Design“, „Grafische Räume“ und „Gestaltung denken“ (zusammen mit Thomas Edelmann).