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Otl Aicher – auch heute noch aktuell?

Rundruf: Wo ist sein Platz in dieser Zeit?

In Rotis. Foto: Privat © Monika Maus, Ulm

Welche Bedeutung hat der einst wohl prägendste deutsche Grafikdesigner gegenwärtig? Wo ist sein Einfluss sichtbar? Was wird von seinem Werk bleiben? Freunde und Kritiker, Kreative und Unternehmer geben Auskunft. Sie formulieren ihre Ansichten zu Aicher.

Florian Adler
Kommunikationsdesigner, Gründer und Geschäftsführer adlerschmidt, Professor für Corporate Design und Informationsgestaltung an der HTW Berlin, Lehrauftrag für Kommunikationsdesign am Hong Kong Design Institute.

Otl Aicher ist aktuell geblieben. Viele seiner Arbeiten sind zeitlos überzeugend; insbesondere seine Piktogramme sind von nie wieder erreichter Qualität. Den Entwurfsprozess als Denkvorgang und Haltung zu begreifen, ist heute wichtiger denn je. Manches kann man auch hinterfragen, wie beispielsweise seine radikale Kleinschreibung. Ich beschäftige mich mit Lesbarkeitsforschung und inklusivem Design, da scheint mir die Gemischtschreibung zugänglicher. Gelungen hinsichtlich der Unterscheidbarkeit von Schriftzeichen ist hingegen die Offenheit der Buchstaben seiner Schriftfamilie Rotis, mit der er eine Verbindung von Grotesk und Antiqua und gleichzeitig eine Mischung des dynamischen und statischen Formprinzips versuchte. Das blieb unter Typographen umstritten, war aber eine Pionierleistung. Ob die Rotis tatsächlich insgesamt leserlicher ist als andere Schriften, wäre wissenschaftlich zu überprüfen. Dass sie enorm erfolgreich wurde und schließlich, trotz ihres eigenwilligen Charakters, für alles und jeden verwendet wurde, kann man ihrem Entwerfer hingegen nicht vorwerfen. Ich bin Aicher dankbar; nicht nur für seine Entwürfe – auch persönlich. Nach meinem Grundstudium an der HdK in Berlin konnte ich 1980 ein Praktikum in Rotis absolvieren. Das hat meinen Blick auf Design komplett verändert. Zu meinen ersten Aufgaben gehörte es, mit Tusche und Zirkel eine stilisierte Reinzeichnung der barocken Kirche von Bad Waldsee zu fertigen. Das war eine hervorragende Linienübung. Und ich begriff, was es heißt, einem alten Ort ein modernes Gesicht zu geben. Die Zeit in Rotis war wunderbar. Ich war weit weg von zu Hause, wohnte im Nachbardorf in einem Dachzimmer und war glücklich. Als der Kassierer im Dorfladen sagte: „Grüaß Gott, Sie san doch beim roten Aicher“, da wusste ich: Nun gehöre ich dazu.

Michael Keller
Kommunikationsdesigner, Managing Partner der Agentur Blackspace, München.

Otl Aicher ist unsterblich. Seine Maxime „Haltung ist Gestaltung“ ist immer noch in unserer DNA verankert. Er hat eben nicht nur Piktogramme, Logos, Typo, Farben und Plakate entwickelt, sondern jeden Entwurf zum Botschafter oder Code der Marke oder Organisation gemacht – grenzüberschreitend. Von der Architektur über Orientierung, Kleidung, Sprache hin zu Farbe und Licht. Er gab jeder Arbeit ein unvergleichbares Gesicht. Und dabei hat er lange zugehört und diskutiert. Denn er musste es selbst begreifen, bevor er einen Auftrag greifbar machen konnte. Und zugleich hat er gewusst, dass es höchst wichtig ist, sein Wissen an Jüngere weiterzugeben. Deshalb hat er die Ulmer Schule gegründet, deren Maßgaben für uns immer noch das beste Werkzeug der Vermittlung unseres Berufs sind, und die auch heute noch bestehen könnte. Ich bin einmal nach Rotis gepilgert und habe gesehen, dass Aicher Strom, Wasser, Obst und Gemüse selbst erzeugt hat – das sagt mir, dass er autark und autonom war. Eine Haltung zu haben und gute Arbeit zu machen, ist das leicht? Nein. Für uns bleibt Aicher ein Vorbild. Und er ist immer noch wirksam. Deshalb haben wir 2010 mit einer Initiative die „Otl-Aicher-Straße“ in München durchgesetzt. Danke Otl Aicher!

Barbara Baumann, Gerd Baumann
Grafikdesigner, Inhaber von Baumann + Baumann, Büro für Gestaltung, Schwäbisch Gmünd.

Ob er fehlt? Natürlich fehlt er, so wie alle Menschen fehlen, die mit Intelligenz, Haltung und Widerständigkeit unserer Welt mit Gedachtem und Gemachtem bereichern. Für uns ziemlich unverständlich: Er hatte offensichtlich viele Kritiker, fast kann man sagen Angreifer. Insbesondere seine neu entwickelte Schriftfamilie Rotis fand seinerzeit wenig Befürworter. So lag es an uns, diese „Streit“-Schrift bei passenden Gelegenheiten zu verteidigen, unter anderem 1995 an der Hochschule der Künste in Bremen anlässlich des Symposions „Positionen zur Gestaltung“. Auch indem wir demonstrativ – von vielen gehänselt – verschiedene Rotis-Schnitte in fast allen unseren Arbeiten einsetzen. Wir dürfen inzwischen Recht behalten: Die Rotis hat sich international durchgesetzt und etabliert.

Erik Spiekermann
Gestalter, Typograf und Autor, Berlin.

Otl Aicher war lebender Beweis für meine These, dass Design zuallererst eine intellektuelle Disziplin ist. Kritiklose Vergötterung, wie sie heute oft zu hören und zu lesen ist, hätte er selbst entschieden abgelehnt, denn sie entspricht nicht seiner Art der analytisch-systematischen Herangehensweise an die Arbeit. Die Epigonen, die dem Meister alles nachplappern ohne es verstanden zu haben, halten auch die Rotis immer noch für eine tolle Schrift, anstatt sie zu verstehen als ersten kritischen Versuch, sich dem Entwurf eines Schriftsystems zu nähern. Leider war dieses Experiment in den Augen aller Experten nicht gelungen – die Schrift war eine Kopfgeburt, die nie die Lösung aller Probleme im Schriftentwurf war, als die Aicher sie angekündigt hatte. Es gilt auch für ihn, dass wir Gestalter nicht an unseren Behauptungen gemessen werden sollten, sondern an den Ergebnissen unserer Arbeit. Wir sollten nicht der Propaganda trauen, sondern unserem Verstand und unseren Augen. Davon sind auch unsere Idole nicht auszunehmen. Diese kritische Haltung hat Aicher selbst vielen Dingen gegenüber immer vertreten. Darin ist er mir Vorbild.

Tisch im Biergarten, aufgenommen von Otl Aicher mit einer frühen digitelen Sofortbildkamera mit Thermodrucker, September 1990. Scan nach einer Kopie, übermittelt von Albrecht Hotz

Monika Schnell
Grafikdesignerin und Inhaberin von büro schnell, Ulm, arbeitete von 1984 bis 1991 in Rotis und war mit der Entwicklung der Schriftfamilie Rotis befasst, später lehrte sie an der HBK Braunschweig Typographie.

Aicher beschäftigte sich mit dem Klassenkampf der Wörter. In geschriebener Form stehen arbeitende Verben kleingeschrieben den statisch, hoheitlichen Hauptworten gegenüber. Die Substantive in Großschreibweise mit ihren überragenden Versalien. Eine Gleichstellung der beiden Lager, also eine konsequente Kleinschreibung, war Aichers Antwort auf diesen Konflikt. Wobei ein anderer gleich einherging: die Lesbarkeit. Kleinbuchstaben, die vielen Ähnlichen in Folge, erschweren ohne die Großen das Erfassen von Silben- oder Wortgruppen beim Lesen. Ein Dilemma. Dass Aicher zusätzlich im Schriftbild noch auf eine erhöhte Laufweite gesetzt hat, ist schwer zu verstehen. Es war ein kontroverser Dialog, den ich mit ihm bis zu seinem Tod geführt habe. Zuletzt mit einem kleinen Augenzwinkern seinerseits – ja, vielleicht ist die Laufweite der Texte in seinem Typografie-Buch doch zu offen. Aber Kleinschreibweise muss sein.

Jasper Morrison
Designer, London.

Otl Aicher war für das Grafikdesign, was Dieter Rams für das Produktdesign ist: eine treibende Kraft im radikalen Wandel des Designs und der Reflexion über die Disziplin; eines Nachdenkens, wie es vor allem in Deutschland stattfand, in Ulm während der Sechziger- und Siebzigerjahre. Seinerzeit wurden sowohl in Sachen Perfektionismus als auch in punkto Modernität Maßstäbe gesetzt. Aichers anhaltende Relevanz für die jüngsten Generationen von Grafikdesignern ist unbestreitbar und wird zweifellos noch viele Jahre andauern.

Detlef Rahe
Industriedesigner, Professor für 3D-Design an die Hochschule für Künste Bremen, wo er seitdem auch das i/i/d (Institut für Integriertes Design) leitet.

Unbeschwerte Heiterkeit war, soweit ich erinnere, nicht unbedingt sein Hauptcharakterzug. Eher eine Art von intellektueller Verbissenheit und Akribie bis ins Detail. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Besuch in Rotis; es muss im Frühjahr 1986 gewesen sein. Meine damalige Freundin und heutige Frau Ulrike und ich, damals noch Studenten der HfG Schwäbisch Gmünd, waren mit dem Entwurf von Bestecken befasst und wollten Aicher zur Kultur des Essens befragen. Und er gewährte uns tatsächlich eine Audienz; ja, das Wort scheint angemessen, angesichts der Hochachtung, die er schon damals genoss und auch subtil einforderte. Das mit dem Essen wurde dann bei einer simplen, aber hervorragenden Pasta recht schnell und eher etwas mürrisch abgehandelt. Kurz vor der Verabschiedung jedoch sagte er: Ach, kommt doch mal mit, ich zeige euch da was. Und er holte ein überdimensioniertes schwarzes „r“ auf weißem Grund aus einem Planschrank hervor, sicher nicht kleiner als A1. Das war unser erster Blick auf die noch unbekannte und unveröffentlichte Schrift, die „Rotis“ heißen sollte. Anhand des kleinen feinen Buchstaben „r“ also führte er seine Überlegungen zur Typografie im Allgemeinen und zur Rotis im Besonderen aus. Ganz offensichtlich stolz war er auch darüber, erstmalig selbst mithilfe eines Computers digital zu entwerfen; etwas, was ihm eigentlich widerstrebe, wie er sagte, aber doch ganz lehrreich und interessant sei. Es war ihm ganz offenbar ein Anliegen, dieses noch im Werden begriffene Projekt vorzuzeigen und auch seine Zweifel am Entwurf zu thematisieren, vielleicht um sich selbst Klarheit zu verschaffen durch immerwährende Diskussion. Als alles gesagt war, endete mit einer höflichen aber klaren Verabschiedung der Besuch recht abrupt. Keine Frage: Die kleine Pilgerreise nach Rotis hat einen persönlich bleibenden Eindruck hinterlassen. Aicher demonstrierte Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt. Er zeigte, wie man sich als Gestalter auch kleinsten Details zuwenden kann – oder sogar muss –, selbst wenn man das große ganze im Blick hat. Eine Lehre fürs Leben!

Monika Maus
Inhaberin von Schroer Design, Ulm, war für viele Jahre Aichers Assistentin in Rotis.

Was wird bleiben? Die Erinnerung selbstverständlich. Meine erste Begegnung mit Aicher bleibt unvergesslich. Das olympische Gelände empfing mich mit heiteren Farben. Große Plakate und Piktogramme kündeten von dem bevorstehenden Fest. Die gesamte Atmosphäre war quirlig und beschwingt. Ich hatte noch Zeit, deshalb ließ ich mich hineinziehen in das muntere Flanieren der Sportler, Betreuer und Gäste. Die besondere Qualität und die Wirkung der graphischen Arbeiten beeindruckte mich und ich wurde etwas unsicher, wie mein Bewerbungsgespräch verlaufen könnte. Otl Aicher war in bester Laune und zeigte mir das Olympia-Atelier, in dem letzte Arbeiten fertig gestellt wurden. Unser Gespräch verlief anregend. Zeugnisse wollte er keine sehen. Auch meine fehlenden grafische Kenntnisse interessierten ihn nicht. „Dort unten im Café an der Ecke“, meinte er, „können Sie nach unserem Gespräch direkt in das Olympische Dorf sehen und einen Eindruck gewinnen; der Eintritt ins Dorf selbst ist ohne Ausweis nicht möglich.“ Als ich ihm sagte, dass ich bereits überall im Olympischen Dorf herumspaziert sei, war er erst einmal sprachlos. Dann meinte er trocken: „Moni, Sie sind eingestellt, wer so souverän ohne Kontrolle Einlass findet, den kann ich brauchen“. Tage später war es genau diese mangelnde Kontrolle, die den Attentätern zugutekam. Der Anschlag und die abrupte Auseinandersetzung mit dem Tod, mitten in den heiteren, fröhlich beschwingten Spielen, hat alle geprägt. Wochen später, und dann immer wieder in persönlichen Gesprächen, als ich bereits in Rotis arbeitete, erlebte ich Aicher verändert. Seine Fröhlichkeit und Lebensfreude, wie ich sie noch in München gespürt hatte, blieben lange Zeit verborgen.

Foto: Privat © Monika Maus, Ulm

Thomas Rempen
Grafiker, Gründer der Agenturen Hildmann, Simon, Rempen & Schmitz, Rempen & Partner und Büro Rempen, Drensteinfurt-Rinkerode, emeritierter Professor für Integriertes Kommunikationsdesign.

otl aicher war für mich und mein werberleben ein doppelter glücksfall: einmal, weil mich nach dem abi dieser otl aicher und seine ulmer hochschule für gestaltung nicht aufnehmen wollten – so startete ich auf der stuttgarter kunstakademie, wo ich zum lebenslangen freund des klugen typografen, couragierten freigeistes und coolen lebensliebhabers „kurtle“ weidemann werden durfte (was die ersten begegnungen mit dem antipoden otl aicher nicht einfacher machte …). das andere mal, weil ich danach in den siebziger jahren bei kunden wie klaus-jürgen maack und erco oder gerd bulthaup einen otl aicher als intellektuellen-guru mit einer gradlinigen, kritischen, wunderbar protestantischen (obwohl genau genommen katholischen) aber oft auch arroganten haltung kennenlernte. und ihn als nach- und vordenker bald bewunderte. grossartig, wie otl die dna seiner kunden sezierte, beschrieb und gestaltete, wie er ordnung schaffte für gedanken und design. bewundernswert, wie er sich für seine arbeit gleichzeitig freiheit und distanz für ruhe verschaffte. und einen ort für freies, anderes, radikales, aber kultiviertes denken – seine republik rotis, wo sich immer wieder interessante zeitgeister und ideen trafen. klar gab‘s auch mal streit – auch ich bin geborener schwabe und es dauerte seine zeit, bis er mich als werber und unsere bemühungen um richtig gestaltete, erfolgversprechende werbung akzeptierte (die anekdoten dazu lassen sich nur erzählen …). vielleicht wäre der hundertste geburtstag ein schöner anlass, die studenten des heute sogenannten kommunikationsdesigns an allen hochschulen ein seminar lang otl aicher und seinen ordnungsprinzipien zu erlernen und zu kopieren, um sie zu verstehen. ein must für alle: die lektüre von „analog und digital“ – schriften zur philosophie des machens.

ps: auch ich bin – ganz unabhängig von otl aicher – schon früh zum kleinschreiber geworden: nur keine buchstabenhierarchie!

Sibylle Schlaich
Kommunikationsdesignerin, leitet gemeinsam mit Heike Nehl das Büro Moniteurs, Berlin.

Die Begegnung mit Otl Aicher hat meinen Berufsweg stark beeinflusst. Nach dem Abitur stellte ich mir die Frage: Studiere ich Geografie oder Grafikdesign? Ich war unschlüssig. Da bot sich die Möglichkeit, ein Praktikum in Rotis zu absolvieren. Für Aicher war’s, wenn ich es recht bedenke, eigentlich eine Zumutung, denn ich hatte wenig Voraussetzungen. Aber ich war interessiert. Und er übte sich in Geduld. Er gab mir Aufgaben, hat mir gezeigt, wie man mit dem Bleistift perfekte Ellipsen zeichnet. Häufig war er allerdings unterwegs; in diese Zeit fiel seine Reise nach Japan. Aber ich hatte Inge Aicher-Scholl, Hans Neudecker oder Berthold Weidner als interessante Ansprechpartner. Für mich war Rotis traumhaft. Ich fuhr entweder mit dem Fahrrad oder – lieber noch – auf meinem Skateboard von Leutkirch, wo ich untergekommen war, nach Rotis. Das fanden alle lustig. Auf dem benachbarten Bauernhof habe ich manchmal ausgeholfen. Ich war glücklich. Die Einsamkeit, das Grün, mir hat’s gefallen. Nach meinem Praktikum in Rotis sah ich klarer und ging an die Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd. Ich erinnere ich mich gern an die Tage mit Aicher, zumal ich heute wieder mit ihm – völlig unabhängig von seinem Geburtstag – befasst bin. Unsere Agentur überarbeitet das Leitsystem des Münchner Flughafens. Wir konnten unsere Auftraggeber davon überzeugen, dass Aichers Arbeiten ein Alleinstellungsmerkmal sind. Vor einigen Jahren hat sich das Corporate Design des Airports von Aichers Maßgaben entfernt. Wir empfehlen, die Piktogramme beizubehalten, behutsam weiter zu entwickeln und Schrift – die Univers – zu modifizieren. Bei Aicher bleiben, und „das Heute“ reinbringen, das ist bei unserem München-Projekt die Devise.

Albrecht Hotz
Grafik-Designer, 1989-1991 Grafiker bei Otl Aicher in Rotis, Inhaber von Burkardt | Hotz, Büro für Gestaltung, Offenbach am Main.

Pünktlich zum Hundertsten wird Otl Aicher aufs Podest gestellt – recht so. Doch weder Denkmalschutz noch Denkmalsturz interessieren mich in seinem Falle. Die Aktualität Aichers lässt sich schnell behaupten. Er war – daran besteht kein Zweifel – eine dominante Figur. In Rotis ist es ihm gelungen, mit wenigen Mitarbeitern große Projekte zu entwerfen und umzusetzen: das Corporate Design für ERCO etwa, den Auftritt des ZDF und von FSB. Im Verborgenen, weit weg von den Metropolen, hat er bevorzugt mit seinen kleinen Teams gearbeitet. Heute, in Zeiten der Dominanz von Marketing und Management, wäre das gar nicht mehr möglich. Gibt es einen Aicher-Stil? Das hätte er nicht gewollt. Dennoch gleichen die Farben, die Aicher für den Auftritt des Technologieunternehmens durst wählte, den Farben von Olympia und vom ZDF. Auch die Schrift von durst ist der des ZDF durchaus ähnlich. Sind diese Erscheinungsbilder austauschbar? Die Firmen, für die Aicher entworfen hat, arbeiten in unterschiedlichen Branchen. Nicht nur deshalb funktioniert es: Auch die klare Form seiner Entwürfe lässt Raum für Inhalte. Aicher war es immer wichtig, dass sich die Unternehmen des Kerns ihrer Tätigkeit bewusst werden und darauf aufbauend, fundierte, langfristige Strategien entwickeln. Mit dem Satz „Ich bin kein Anstreicher“ wurden Kunden auch schon mal wieder zurück in die Klausur geschickt. Identifizierbar als Aicher-Arbeiten sind sie seine Entwürfe allerdings. Das ist erstaunlich, denn für Aicher war Anonymität des Designers geradezu ein Gegenentwurf zum Starrummel, der Künstler umgibt. Niemals wäre Aicher auf die Idee gekommen, seine Entwürfe zu signieren. Trotzdem war er namhaft, berühmt sogar. Auch in Rotis drehte sich alles um seine Person. Er war der Alleinherrscher dieser, wie er sie nannte, autonomen Republik – gemäß Dave Godins Motto „Diktatur in den Künsten, Demokratie in allen anderen Bereichen“. Ihn umgab etwas Genialisches – obwohl er in seinen Schriften mit dem Mythos des aus sich selbst schöpfenden Designers gründlich aufräumte. Trotzdem hing alles von seiner Person ab – auch das Schicksal von Rotis: Das Büro Aicher wurde nach seinem Tod nicht weitergeführt.

Foto: Privat © Monika Maus, Ulm

Reinhilde Wurst
Grafikdesignerin, Layoutleitung beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, Hamburg, arbeitete in den späten Achtzigerjahren in Rotis.

Meine Professoren in Schwäbisch Gmünd haben regelrecht von Rotis geschwärmt. Folglich dachte ich: Das muss die Top-Adresse sein. So habe ich mich aufgemacht: Zunächst stand mein Praxissemester an. Wenig später – nach meinem Diplom – bin ich zurückgekommen. „Mehr labora, weniger ora“, das war die Devise. Rotis funktionierte wie ein Kloster mit Otl Aicher als Abt. Es ging monastisch-familiär zu. Da habe ich gut reingepasst. Ich stamme aus einer Großfamilie und fühlte mich geborgen. Wenn gekocht wurde, dann haben alle geholfen; Kräuter aus dem Garten geholt, Zwiebeln und Gemüse geschnitten. Jeder war beteiligt. Bei meinem ersten eigenständigen Projekt allerdings war ich ganz auf mich gestellt. Für die Marketing-Abteilung des „Spiegel“ wurde ein Buch gestaltet, das vor allem mit Statistiken und Bilanzen die Anzeigenkunden des Nachrichtenmagazins überzeugen sollte. Aicher, so war es gedacht, würde später eine CI für die Hamburger entwerfen, so wie er’s für den Verlag Gruner + Jahr gemacht hat. Aber er kam mit den Spiegel-Leuten nicht gut zurecht. Sie repräsentierten eine Welt, die ihm fremd blieb. Mit meiner Arbeit war der Spiegel offenbar zufrieden und hat mich abgeworben. Ich war grade mal 26. Die ersten Jahre in Hamburg war ich kreuzunglücklich. Es schien so kühl. Und Rotis war so heimelig – zumindest in meiner Erinnerung.

Wilfried Korfmacher
Designer und Psychologe, Professor für Kommunikationsdesign an der Peter Behrens School of Arts, Düsseldorf, betreibt das Büro Zeichenverkehr in Meerbusch.

Von Aicher bleibt ungeheuer viel. Vor allem sein Plädoyer für Gestaltung mit Haltung. Ebenso sein Verständnis von Design, das die Konzeption und den Entwurf von Projekten und Prozessen umfasst. Bei ihm gingen einem Entwurf stets eingehende Analysen zur Aufgabenstellung voraus, ebenso die Recherchen zu Hintergründen und Strategien zur Planung. Das Resultat war das, was wir Systemdesign nennen und mit den Stichworten Forschung, Funktion und Systematik beschrieben werden kann. Ich habe großen Respekt, vor Aichers schier unfassbaren Lebensleistung. Es gibt nur wenige Gestalter, die ähnlich umfassend gedacht und gearbeitet haben. Der Schweizer Karl Gerstner zählt dazu. Wie Aicher gehörte zu den wichtigen Erneuerern von Schrift, Typographie, Graphik und Corporate Identity nach 1950. Und wie Aicher hat er Schriften entwickelt und Gestaltungsaufgaben zum Anlass genommen, Bücher zu verfassen. Sein „Kompendium für Alphabeten“ ist als Grundlagenwerk vergleichbar mit Aichers Buch „typographie“. Aicher wie Gerstner folgten dem Credo „Prinzipien statt Rezepte“ und haben sich in Büchern mit der Küche sowie dem Kochen befasst. Und beide haben – gegen Ende ihres Lebens – in ihrer eigenen Welt gelebt. Doch man kann keine Weltfragen lösen, wenn man sich in seine Muschel zurückzieht. Die autonome Republik Rotis war – im Wortsinn – begrenzt und schloss die Stadt und den Erdkreis aus.

Marc O. Eckert
Geschäftsführer von bulthaup, Produzent von Küchen- und Raumsystemen, Aich bei Landshut.

Die Küche war für Otl Aicher ein einladender und sinnlicher Ort, an dem Familie und Freunde zusammenkommen und das gemeinsame Kochen und Essen genießen. Dieses Bild und Otl Aichers Gestaltungsphilosophie sind uns bis heute Vorbild: Die Konzentration auf das Wesentliche, die klaren Linien und die Ehrlichkeit bei Material und Funktion stehen seither im Vordergrund. Die Form folgt der Funktion, die dem Menschen dient – dem Menschen, der in der Küche genießt, kocht, kommuniziert, tanzt und lacht. Denn so wie Otl Aicher für sein Buch „Die Küche zum Kochen“ Chefs dieser Welt beim Kochen beobachtete, so steht bei uns bis heute der Mensch mit seinen Bedürfnissen klar im Fokus: Wir entwickeln Lebensräume auf Basis von sozio-kulturellen Beobachtungen und schaffen Orte, die nicht nur Raum zum Kochen geben, sondern zum Beisammen sein einladen. Da Otl Aicher Marken immer ganzheitlich betrachtete, prägte er nicht nur unser Bild der Küche, unsere Art der Gestaltung und unsere Philosophie – als wäre dies nicht genug. Auch unser Corporate Design, das er mit Logo, Liniengrafiken und der Schriftart „Rotis“ für bulthaup entwickelte, hat bis heute seine Gültigkeit und zeugt von Relevanz und Einfluss Otl Aichers auf die Marke bulthaup.

Foto: Privat © Monika Maus, Ulm

Wilhelm Opatz
Grafiker und Architekturkritiker, Frankfurt am Main.

Zugegeben: Es ist es etwas unfair, einen Designer nach Jahrzehnten an einer ausgewählten Aussage zu messen. Bei der folgenden Passage aus dem Buch „die welt als entwurf“ (Seite 115) musste ich doch schmunzeln: „ … mit einem neuen gestus, mit einer neuen architektur. so wie man sie sehen kann drüben an der konrad-adenauer-straße in stuttgart, wo ein neues machwerk von sozialkitsch entstand, jene süßliche, geschichtsdekorative manifestation staatlicher fürsorge. ich meine den museumsbau von james stirling.“ Das hat mich echt amüsiert beim ermüdenden Lesen der Litaneien in Rotis-Minuskeln ohne Zeilenabstand. Aber genug der Tiraden – dank Otl Aicher hat das Jahr 1972 für mich eine unendlich optimistische und farbenfrohe Bedeutung bekommen.

René Spitz
Designhistoriker und Kommunikationsberater, Professor für Designwissenschaft an der RFH Rheinische Fachhochschule, Köln.

Aicher führt mustergültig vor, welches humanistische Potenzial der Moderne innewohnt – aller berechtigten Kritik an den Manifestationen der Moderne zum Trotz. Aicher beharrt auf dem Primat des Politischen und verbannt jeglichen nationalistischen Anklang aus der Erscheinung. Die Gestaltung der Olympischen Spiele 1972 bewerte ich als eine der herausragenden Designleistungen des 20. Jahrhunderts. Stilbildende Plakate ohne Schwarz. Überhaupt kein Rot. Wenn Olympische Spiele ohne Goldmedaille möglich gewesen wären, dann auch ohne Gold. Stattdessen Silber als technisch konnotierte Schmuckfarbe. Unwirklich erscheint die Effizienz: Der gesamte Entwurf kommt mit nur wenigen Seiten Handbuch aus. Kein tausendseitiges Manual, in dem haarklein jede Ausnahme kodifiziert ist. Stattdessen eine kompakte Regieanweisung, eine Aufforderung zur spielerischen Anwendung im Duktus George Brechts: „Pull start“. Design war für Aicher nur dann legitim, wenn es moralische Werte verkörpert: Neutrales oder indifferentes Design lehnte er vehement ab. Erkenntnisse der Wissenschaft akzeptierte er nicht als Bewertungsmaßstab für die Qualität eines Entwurfs. Design war für ihn Politik, und deshalb durfte es nicht beliebig sein. Als „die kulturelle Bewältigung der technischen Zivilisation“ hat Aicher das Programm formuliert, dem sich die HfG verschrieben hat. Diese Aufgabe ist von bestürzender Aktualität. Mehr denn je ist die gegenwärtige Technik ihrer Zeit so weit voraus, dass sie noch nicht kulturell bewältigt ist. Aber mit Technik meinte Aicher noch die maschinelle Mechanik und Elektrik der Moderne. Unsere Zeit ist längst darüber hinaus. Wir sollten nicht mehr von Moderne sprechen, vielmehr von Digitale, denn damit ist das prägende Merkmal unserer Gegenwart benannt. Wir stehen vor der drängenden Aufgabe, die digitale Zivilisation kulturell zu bewältigen. Um hierbei Fortschritte zu erzielen, sind Aichers Mut, Rigorosität und Entschiedenheit vonnöten.

Markus Weisbeck
Studio Markus Weisbeck, Frankfurt am Main, Professor für Grafik Design, Bauhaus Universität Weimar.

Die Erfahrungen seiner Jugend neutralisierte Otl Aicher in eine visuelle Sprache, die ein Baustein des weltoffenen Bildes der Bundesrepublik wurde. Diese Überlegungen begleiten uns bis heute als Teil unserer DNA.

Foto: Privat © Monika Maus, Ulm

Margit Weinberg Staber
Journalistin und Buchautorin, Zürich, zählte zu den ersten Studentinnen der HfG Ulm, die sie von 1954 bis 1958 besuchte.

Mein Diplom der Abteilung „Information“ 1958 hat die Nummer eins: Vier junge Frauen und ein junger Mann waren mit von der ziemlich abenteuerlichen Partie in den anfangs noch gar nicht ganz fertig gestellten Gebäuden der Hochschule für Gestaltung (HfG) am Stadtrand von Ulm oben auf dem Kuhberg am Fuß der Schwäbischen Alb. Otl Aicher, der mit Inge Scholl und Max Bill zusammen das Gründertrio verkörperte, wurde zum Deus ex machina für das Fach „Visuelle Kommunikation“ – obwohl Max Bill auch für sich selbst Mitspracherecht in Fragen der so genannten Neuen Grafik in Anspruch nahm. Schließlich war die Schweiz, seine Heimat, führend auf diesem Gebiet. Der interdisziplinäre Charakter von Kommunikationsdesign und Informationsverarbeitung liegt auf der Hand. Learning by doing: So lautete das pädagogische Credo. Einen ausbildungsbedingten Kontakt zu Otl Aicher hatte ich nicht. Er war von 1954 bis 1966 Dozent in der Abteilung für „Visuelle Kommunikation“. Also von Anfang bis zum vorzeitigen, betrüblichen Ende der Institution. Er war zweifellos eine der prägenden Figuren im kreativen Gefüge der Schule, und zugleich einflussreich diskret. Wir, die Studierenden der „Information“, erarbeiteten Textmaterial, Plakattexte, Werbebroschüren beispielsweise. Ich erinnere mich an hohe, schmale Stelen für den öffentlichen Raum mit prägnanten Slogans, um das Erscheinungsbild der Volkshochschule und später auch der HfG publik zu machen. Wir reichten unsere Entwürfe in die «Visuelle Kommunikation» weiter sowohl für Kritik wie für Akzeptanz. Das gehörte zum praxisbezogenen Anteil des Studiums. Man arbeitete zusammen, man wohnte zusammen, man stritt und vertrat Meinungen und Glaubenssätze. Aber doch irgendwie alle unter einer Glocke der sympathisierend Gleichgesinnten im optimistisch aufstrebenden Nachkriegsdeutschland. Die Mensa ein Mittelpunkt der genial auf ihren Gebrauch hin ausgelegten architektonischen Struktur. Eigentlich ein Dorf der gegenseitigen Beziehungen, meinte Max Bill. Es gab sogenannte Meisterhäuser und für uns Studierende einen Wohnturm, den ersten von drei geplanten, aber nur einer wurde fertiggestellt. Hierarchien zwischen Lehrenden und Lernenden sollte es nicht mehr geben, ein Versuchsfeld demokratisierter Pädagogik mit wechselndem Erfolg. Es bildeten sich Seilschaften, Gefolgschaften, die letzten Endes alle darauf hinausliefen, inwieweit Gestaltungsprozesse der Verwissenschaftlichung zugänglich seien, und wo dabei die individuelle Kreativität bliebe. Algorithmen zeichneten sich am Horizont ab. Da kam insbesondere Tomás Maldonado ins Spiel, aus Argentinien von Max Bill herbeigezaubert, Adept und Kritiker des Meisters zugleich. Wo genau sich Otl Aicher in dieser Kampfzone antagonistischer Geister platzierte, ist schwer auszumachen. Ich habe ihn – wenn man das so formulieren darf – als visionären Pragmatiker in Erinnerung.

Gerhard Curdes
ab 1959 an der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG), dort von 1961 bis 1963 Redakteur der Studentenzeitschrift output, später Universitätsprofessor für Städtebau und Landesplanung an der RWTH, Aachen.

Aicher war ein begnadeter und streitbarer Lehrer, eine beeindruckende Persönlichkeit zudem. Ich habe von 1959 bis 1963 an der Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) in der Abteilung Bauen studiert. Mit Aicher bin ich zuerst in der Grundlehre in Kontakt gekommen. Mehrere Dozenten stellten uns unterschiedliche Aufgaben, solche bei denen mehr das Hirn und solche, bei denen mehr die Hand beansprucht wurde. Dadurch lernte man die Dozenten kennen und die unterschiedlichen Wege, sich einem Problem zu stellen. So kam es, dass wir ganz unterschiedlichen Anforderungen ausgesetzt wurden, die ich anregend und positiv in Erinnerung habe. Aicher brachte denen, die in ihrer Ausbildung vor der HfG noch keinen Zeichenunterricht gehabt hatten, elementare Grundlagen bei. Wichtig war ihm die freie Bewegung der Hand aus dem Gelenk heraus. Wer das nicht hinreichend konnte, dem zeigte er, wie man Hand und Stift dazu bringt, locker Figuren und Formen zu zeichnen. Wer zu steif war, neben den oder die konnte er sich auch hinknien, um die richtige Haltung zu demonstrieren. Wenn er an der Tafel zeichnete oder wenn er einem die richtige Handhaltung zeigen wollte, hatte er oft tänzelnde Körperbewegungen. In der Grundlehre brauchte man ein Testat von ihm für die Übungen in „Schrift“ und „Freihandzeichnen“. Als Mitgründer der HfG brachten wir ihm und seiner Frau Inge Aicher-Scholl Respekt entgegen. Aber wir distanzierten uns von ihm, als er in einem internen Machtkampf die kollektive Leitung der Schule zu seinen Gunsten einseitig veränderte. Eine Gruppe von Studenten gründete die Studentenzeitschrift „output“ und in einer Sondernummer kritisierten wir die Verfassungsänderung. Aicher verlor nach einiger Zeit die Lust an der Schule, und mit dem Auftrag für die grafische Gestaltung der Olympischen Spiele in München war er in Ulm kaum noch präsent.

Manfred Eisenbeis
Designtheoretiker, studierte an der HfG Ulm, 1968 bis 1976 Gründungsmitglied, Forschung und Lehre am Institute for Environmental Design (IUP), Paris, 1976–89 Professur für Visuelle Kommunikation an der HfG Offenbach, ab 1990 Gründungsrektor und Professor für Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule für Medien Köln.

In der Grundlehre habe ich Otl Aicher als ungeheuer vielseitig und ausgeprägt pragmatisch erlebt, der in jeder Lehrsituation alles gab. Mental wie physisch, mit großer Leidenschaft. In seiner Haltung eher Vorbild als Vermittler. Das waren auch die Grundzüge seiner fachlichen Lehre im Rahmen der Abteilung Visuelle Kommunikation, teilweise in direkter Verbindung zu Projekten der von ihm gegründeten Entwicklungsgruppe. Eine inspirierende Erfahrung. Otl Aichers Interesse an philosophischen Fragen kontrastierte mit seiner kritischen Zurückhaltung gegenüber dem zunehmenden Einfluss der wissenschaftlichen Lehre an der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Ein interessantes Thema, das auch darüber hinaus für die weitere Entwicklung und Wandlung der HfG in den Sechzigerjahren von Bedeutung gewesen sein könnte. Als ich nach der Schließung der HfG an das Pariser Institut für Umweltplanung ging (IUP) ging, hatte ich weiterhin persönliche Kontakte zu Aicher in Zusammenhang mit dem großen Olympiaprojekt. Und danach, an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, habe ich mit ihm im Zusammenhang mit seinem Wettbewerbsprojekt zur visuellen Neugestaltung des Pariser Centre Pompidou zu tun gehabt. Das waren Kontakte aus fachlichem Anlass. Und sie waren wie immer: intensiv und bereichernd.

Lutz Dietzold
Geschäftsführer des Rat für Formgebung, Frankfurt am Main.

Bisweilen ist eine nicht bestehende Beziehung ebenso aussagekräftig wie eine intensive Liason. Im Fall Otl Aicher und dem Rat für Formgebung bestand eine solche Nicht-Beziehung; nicht, weil man sich ignoriert und weniger, weil man sich im jeweiligen Tun nicht geschätzt hätte. Eher schon, weil man mit dem Design ein jeweils anderes Anliegen fokussierte: Aicher das gesellschaftspolitische, der Rat, gemäß seinem Auftrag, das wirtschafts- beziehungsweise unternehmenspolitische. Was andererseits aber nicht hieß, dass man des Anderen Fokus gänzlich außer Acht gelassen hätte, ganz im Gegenteil. Beide wussten eben nur sehr früh um die Bedeutung eines klar definierten Markenkerns. Eine Verbindung bestand eher über Bande, über designorientierte Unternehmen und Personen also, für die und mit denen Otl Aicher (erstens) lange gearbeitet hat und die (zweitens) bis heute dem Stifterkreis des Rat für Formgebung angehören: Braun, bulthaup, ERCO, FSB und Lamy. Das Dreieck Designer, Institution, Unternehmen könnte in diesem Sinne als gemeinsame Basis beider oben genannter Anliegen angesehen werden und verdiente bei dem geplanten Projekt zum 100. Geburtstag Otl Aichers durchaus einer genaueren Betrachtung. In jedem Fall ließe sich zwischen Otl Aicher und dem Rat für Formgebung ein gemeinsamer Nenner an der Erkenntnis festmachen, dass Design sowohl eine Kultur- als auch eine Wirtschaftsleistung darstellt. An dieser Erkenntnis auf unterschiedliche Art und Weise über die Jahre gewachsen zu sein, stellt eine Gemeinsamkeit dar, die nicht jede Beziehung – und sei sie noch so intensiv – für sich reklamieren kann.

Foto: Privat © Monika Maus, Ulm

Jürgen W. Braun
von 1981–2001 Geschäftsführer von Franz Schneider Brakel (FSB).

Otl Aicher zog alle in seinen Bann, indem er sie detailliert erzählen ließ, wo und wie sie im Unternehmen tätig seien. Leider hat er nicht mehr miterleben können, welch reiche wirtschaftliche Ernte wir über ein langes Jahrzehnt hinweg einfahren konnten, nachdem wir zwischen 1986 und 1990 seinen fünfjährigen Arbeitsplan geduldig Schritt für Schritt abgearbeitet hatten. Das Original der Skizze dieses Arbeitsplans aus des Meisters Hand hängt bei mir, in Sichtweite meines Schreibtisches, an der Wand – als Erinnerung an spannende Lehr- und Gesellenjahre. Ich verdanke Otl Aicher, dass er mich gezwungen hat, Talente zu entwickeln, die weder meine Eltern noch meine Lehrer auch nur im Ansatz bei mir vermutet hätten.

David Kuntzsch
Head of Marketing ERCO, Lüdenscheid.

Die Verbindung zwischen Otl Aicher und dem Unternehmen ERCO war in erster Linie eine Verbindung von zwei Menschen, die sich schätzten und respektierten: Otl Aicher und Klaus Jürgen Maack. Beide waren der festen Überzeugung, dass sich neue Ideen in einer ganzheitlichen Haltung ausdrücken müssen, um langlebig, glaubwürdig und vermittelbar zu sein. Am Anfang hatte ein Denkprozess zu stehen, in dem die intellektuelle Grundlage für alles Folgende entwickelt wurde. Es ging nicht in erster Linie um Design. Gestaltung war das Ergebnis des Prozesses, nicht sein Zweck. War diese Grundlage definiert und der Impuls zur Veränderung zu einer Haltung geworden, so war alles Folgende ganz einfach – und anspruchsvoll zugleich. Alles wurde infrage gestellt. Alles wurde neu bestimmt. Die damals definierte Haltung und Leitideen bestimmen bis heute das Denken und Handeln von ERCO: Ingenieure und Gestalter widmen sich der Transformation von Technologie zu Kultur. Um langlebige Werkzeuge zu schaffen, mit denen Licht zur vierten Dimension der Architektur wird.

Holger Jost
Kommunikationsdesigner und Autor, Mitarbeiter am ZKM, Karlsruhe.

Piktogramme, ERCO, Rotis, apodiktische Formulierungen, Wittgenstein, FSB – diese Stichworte fallen mir auf die Schnelle ein, wenn ich nach Otl Aicher gefragt werde. Was sie bedeuten und welche Aktualität Aichers ich für mich daraus ableite kann ich erklären: Rechts, Links, Blumen, Flughafen, Schwimmbad, Fechten – Aichers Zeichensystem, das aus Rechten- und 45-Grad-Winkeln besteht, aus rechteckigen und abgerundeten Kanten, ist im öffentlichen Raum weit verbreitet und im Vergleich zu vielen ähnlichen Piktogrammen, die ebenfalls aus Leitsystemen für die Olympischen Spiele hervorgegangen sind, weniger modisch und ausbaufähiger. Es wird bis heute von der Firma ERCO vertrieben. Deren Logo aus vier Versalien in vier Strichstärken von fett zu Ultradünn gehört für mich zu den besten Logos und kann sich seit 1975 Jahren sehen lassen. Entworfen wurde es im abgelegenen Rotis, dem schwäbischen Wohn- und Arbeitsort der Familie Aicher, den ich 1990 für einen Tag besucht habe. In Erinnerung geblieben ist mir die aufgeräumte Atmosphäre in den praktischen, aber nicht großzügigen Büroräumen mit ihrem Oberlicht und den Nut- und Federbretter an der Wand. Gearbeitet wurde viel, gezahlt eher wenig. Das Argument: auf dem Land braucht man kaum Geld zum Leben. Es wurde streng getrennt zwischen Arbeit und Freizeit. Beim Biergartenbesuch aller Mitarbeitenden durfte nicht über Geschäftliches gesprochen werden. Als Erinnerung bleiben zwei Schnappschüsse zurück: Aicher fotografierte unsere Runde mit einer Digitalkamera, die ihre pixeligen Bilder direkt ausdruckte, ich fotografierte Aicher auf seinem Aufsitzrasenmäher, mit dem er ein Jahr später verunglückte.

Otl Aicher im September 1990 auf seinem Aufsitzmäher mit dem er regelmäßig die großen Rasenflächen in Rotis pflegte. Foto: Holger Jost