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„Ich fühlte mich sofort zu ihm hingezogen“

Der britische Architekt Norman Foster über seine Freundschaft zu Otl Aicher: Er war absolut integer.

Für den hochgeehrten Sir Norman, Lord Foster of Thames Bank, war Otl Aicher schlicht „der beste Designer der Welt.“ Foto: Rudi Meisel. © Norman Foster Foundation, Madrid

Die Freundschaft begann mit einem geplatzten Auftrag: Otl Aicher sollte einst das Leitsystem für Norman Fosters spektakuläre Hongkong and Shanghai Bank entwerfen. Aus „allerlei politischen Gründen“, wie Foster im Gespräch einräumt, sei die Zusammenarbeit damals nicht zustande gekommen. Dennoch vertiefte sich der Kontakt zwischen dem Architekten in London und dem Gestalter in Rotis. Rasch wurde Otl Aicher zum „good friend, mentor and working colleague“. Gemeinsam verschafften sie der U-Bahn in Bilbao ein modernes Gesicht; der Architekt entwarf die Stationen, der Grafiker das Orientierungssystem. Auch für die Gesamtpublikation von Fosters Werken entwickelte Aicher eine überzeugende Gestaltung. Dafür hat sich Foster nach dem Tod seines Freundes revanchiert – er gab im Januar 1994 die englischsprachige Ausgabe der Essays von Aicher heraus: „There was an integrity about the way that Otl lived, practised und preached“, schrieb der britische Architekt voller Anerkennung in seinem Vorwort.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Otl Aicher? Wie war Ihr Eindruck von ihm?

Er war verschmitzt, hatte Sinn für Humor. Er besaß die Fähigkeit, mit einem Kugelschreiber oder Bleistift einen Gegenstand oder eine Person mal eben schnell aufs Papier zu bringen – mit wenigen Linien. Er hatte ein außerordentliches zeichnerisches Können und ein sehr gutes Auge.

Mochten Sie ihn sofort?

Unbedingt! Ich fühlte mich sofort zu ihm hingezogen. Es war eine dieser spontanen, fast schon ansteckenden Beziehungen.

Nach Fosters Plänen waren in dem einstigen Zechengebäude die Räume für das Designzentrum Nordrhein-Westfalen entstanden. Für das Designzentrum gestaltete Aicher wenig später, im Jahr 1990, das Logo in Form eines roten Punktes. © Rudi Meisel

Nach Fosters Plänen waren in dem einstigen Zechengebäude die Räume für das Designzentrum Nordrhein-Westfalen entstanden. Für das Designzentrum gestaltete Aicher wenig später, im Jahr 1990, das Logo in Form eines roten Punktes. © Rudi Meisel

Sie sind mehrfach nach Rotis gereist. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Ort?

Ich denke an die sehr harmonische Beziehung zwischen einem alten, für die Region typischen Haus und den Neubauten von Otl. Sie zeigen sein Können als Architekt. Er behauptete nie, ein Architekt zu sein, er gab nie vor, ein Architekt zu sein, und doch war er in seinem Handeln als Gestalter ein wirklicher Architekt. Seine Gebäude waren fast wie ein Ausdruck seiner Persönlichkeit. Sie hatten eine Ehrlichkeit, eine Direktheit, eine Sparsamkeit, eine Eleganz. Sie waren Teil der kreativen Umgebung, die Otl um sich herum geschaffen hatte. Otl hatte einen Sinn für Festlichkeit. Wenn zum Beispiel der erste Schnee im Winter fiel, dann wurde das spontan gefeiert. Er genoss Rituale wie das Verkosten eines guten Weins, er genoss einfaches, ehrliches, gutes Essen. Er erhob die alltäglichen Dinge und verlieh ihnen Nobilität. Ganz Profanes konnte er als etwas Besonderes erscheinen lassen.

Foster (links) fährt vor. Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl schauen zu. © Norman Foster Foundation, Madrid

Foster (links) fährt vor. Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl schauen zu. © Norman Foster Foundation, Madrid

Sie waren enge Freunde und arbeiteten auch beruflich zusammen. Was konnten Sie voneinander lernen?

Wenn ich mit einem Kollegen nach Leutkirch reiste, dann sagte ich immer, wir werden nach dem Besuch klüger wieder abreisen. Ich lernte immer etwas von Otl, und sei es, wie man eine Zwiebel schält. Es ist schwierig zu beschreiben, es war eine intellektuell und visuell kreative Beziehung.

Und was könnte er von Ihnen gelernt haben?

Das kann ich nicht sagen, das wäre reine Mutmaßung.

Foster und Aicher tauschten sich regelmäßig aus. Zu Aichers Aufgabe gehörte der Entwurf eines umfassenden Leitsystems und des Logos für das neue Transportmittel der Hauptstadt der baskischen Stadt. © Ian Lambot

Foster und Aicher tauschten sich regelmäßig aus. Zu Aichers Aufgabe gehörte der Entwurf eines umfassenden Leitsystems und des Logos für das neue Transportmittel der Hauptstadt der baskischen Stadt. © Ian Lambot

Hat er sich nie auf etwas bezogen, über das Sie gesprochen haben? Etwas, das ihn bereichert haben könnte?

Ich denke, seine Darstellungen einiger Architekturprojekte meines Büros deuten möglicherweise darauf hin, dass er die Art und Weise respektierte, wie ich als Gestalter die Struktur eines Gebäudes zeige und seine Integrität zum Ausdruck bringe.

© Florian Aicher

© Florian Aicher

Hommage an einen Freund: Norman Foster – wie Aicher ihn sah und skizzierte. © Florian Aicher

© Florian Aicher

Ihre Zusammenarbeit und die Erkenntnisse, die Sie durch ihn gewinnen konnten, hat das Ihre Arbeit als Architekt beeinflusst?

Ich denke, wir sind privilegiert, wenn wir Personen treffen, die auf die ein oder andere Weise zu unseren Mentoren werden. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass diese Mentoren manchmal auch zu Freunden und Seelenverwandten werden können. Und so war Otl ein Mentor und ein Freund. Und ich lernte von ihm etwas über die Integrität von Schrift und über visuelle Hierarchie. Dass eine Zeichnung stärker sein kann als eine Fotografie, weil die Zeichnung oder auch die Skizze eine Verdichtung ist. Und deswegen Bedeutung viel besser vermittelt.

Stimmt es, dass Otl Aicher nicht so gut Englisch sprach?

Er sprach es mehr als ausreichend. Er war einer dieser wenigen Menschen, die keine Sprache brauchen, um zu kommunizieren.

„Es gab eine Übereinstimmung, wir brauchten nicht viele Worte. Manchmal schoben wir Bilder hin und her. Es war ein kreativer Dialog.“

Wie muss man sich Ihre Treffen vorstellen?

Wir kommunizierten mit Worten und Bildern. Das ist nicht leicht zu beschreiben; ja, wirklich schwer in Worte zu fassen. Vieles konnte unausgesprochen bleiben, weil wir, wie ich annehmen möchte, viele Werte teilten.

Arbeitsbesprechung: Designer und Architekt sowie der Foster-Büro-Partner Ian Lambot in London. © Rudi Meisel

Wenn Sie gemeinsam Projekte entwickelten, waren das oft lange, intensive Arbeitstage. Sicher gab es viele Diskussionen und auch Kontroversen. Wie haben Sie offene Fragen gelöst?

Es ist schwierig, eine präzise Antwort zu geben. Es gab eine Übereinstimmung, teilweise unausgesprochen, teilweise ausgesprochen. Manchmal war es eine Skizze, manchmal schoben wir Bilder an der Wand hin und her. Es konnte viele verschiedene Formen annehmen. Es war ein kreativer Dialog.

Waren an diesem Dialog weitere Personen beteiligt, aus Ihrem Büro oder aus Otl Aichers Team?

Otl brachte von Zeit zu Zeit Personen aus seinem Team mit und ich Personen aus meinem. Doch ich würde sagen, die Beziehung war eine persönlichere. Aber natürlich waren wir beide angewiesen auf unsere Teams. Und ich denke, wir glaubten beide an Teamwork und daran, das kreative Talent in den Menschen um uns herum zu fördern.

Eine einzigartige Architekturdokumentation und ein Musterbeispiel der Buchgestaltung zugleich: Aichers opulente Werkmonographie für Foster. © Watermark sowie Ernst & Sohn

Eine einzigartige Architekturdokumentation und ein Musterbeispiel der Buchgestaltung zugleich: Aichers opulente Werkmonographie für Foster. © Watermark sowie Ernst & Sohn

Der vierte Band war auch der letzte, von Aicher konzipierte: Nach 1996 ist diese Werkausgabe nicht mehr fortgesetzt worden. © Watermark sowie Birkhäuser

Der vierte Band war auch der letzte, von Aicher konzipierte: Nach 1996 ist diese Werkausgabe nicht mehr fortgesetzt worden. © Watermark sowie Birkhäuser

Ist es richtig, dass sich Otl Aicher lieber mit Architekten als mit Designerkollegen auseinandersetzte?

Dazu kann ich nichts sagen. Ich denke, Otl Aicher fühlte sich zu talentierten Menschen hingezogen, ohne auf ihr gesellschaftliches Ansehen zu schauen. Er mochte kreative Menschen – ganz unabhängig von ihrem Beruf oder Hintergrund. Er umgab sich mit Gleichgesinnten; Menschen, die seine Werte teilten. Als ein wichtiger Intellektueller seiner Zeit genoss er die Anregung durch Zusammenarbeit. Und die gegenseitigen Anregungen durch unterschiedliche Fähigkeiten.

Zur Präsentation der ersten Bände der Foster-Werkausgabe legten die Verlage Ernst & Sohn und Watermark am 8. Juni 1989 eine Broschüre vor, die den Designprozess dokumentierte. Sammlung Fabian Wurm

„architektur“, schrieb Aicher zur Foster-Ausgabe, „ist hier ein abenteuer, eine expedition. dies sollten die bücher abbilden“.

Zur Präsentation der ersten Bände der Foster-Werkausgabe legten die Verlage Ernst & Sohn und Watermark am 8. Juni 1989 eine Broschüre vor, die den Designprozess dokumentierte. Sammlung Fabian Wurm

„architektur“, schrieb Aicher zur Foster-Ausgabe, „ist hier ein abenteuer, eine expedition. dies sollten die bücher abbilden“.

Erste Layout-Vorschläge mit Fotos für die Doppelseite zum Sainsbury Centre for Visual Arts. © Watermark sowie Ernst & Sohn

Erste Layout-Vorschläge mit Fotos für die Doppelseite zum Sainsbury Centre for Visual Arts. © Watermark sowie Ernst & Sohn

Norman Foster zählt zu den international erfolgreichsten Architekten der Gegenwart. Er begann 1956 sein Architekturstudium an der School of Architecture and City Planning der Universität Manchester. Mithilfe eines Stipendiums konnte er 1962 sein Studium mit einem Master an der Yale University in New Haven (Connecticut) abschließen. Dort lernte er neben Richard Rogers auch Su Brumwell und seine spätere Ehefrau Wendy Cheesman kennen; die vier Kommilitonen gründeten gemeinsam das Architekturbüro Team 4. 1967 brachten Foster und Cheesman in London Foster Associates an den Start, ein Studio, das noch heute unter dem Namen Foster + Partner mit über 700 Mitarbeitern weltweit agiert. 1990 wurde Foster von Königin Elisabeth II. als Ritter in den Adelsstand erhoben. Zu seinen bekanntesten Projekten zählen das Hong Kong & Shanghai Bank Building (1980), der Umbau des Reichtages in Berlin (1994), The Gherkin in London (2003) sowie der Apple Park in Cupertino, Kalifornien (2013). Mit Otl Aicher verband ihn eine langwährende Freundschaft; der Kommunikationsdesigner gestaltete Fosters Werkverzeichnis. Und Foster benutzt Aichersche Grafik- und Designmaßgaben in seinen Plandarstellungen.

Jasmin Jouhar ist freie Journalistin und Moderatorin. Sie ist spezialisiert auf Themen aus den Bereichen Design und Architektur. Zu ihren Auftraggebern zählen Publikumsmedien wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und das Magazin „Schöner Wohnen“ genauso wie Fachpublikationen, etwa „Baunetz Interior“ und der Verlag Form. Zudem berät sie Unternehmen aus der Designbranche und unterstützt sie bei ihren Corporate-Publishing-Aktivitäten. Sie war viele Jahre lang verantwortliche Redakteurin für junges Design bei der Zeitschrift „Design Report“. Zu ihren aktuellen Veröffentlichungen zählt ein Buch über den Türdrücker FSB 1144 von Jasper Morrison.