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„Eine strenge Zeit, eine schöne Zeit“

Zeichnen in Rotis: Die einstige Aicher-Mitarbeiterin Reinfriede Bettrich spricht über Handskizzen, die ersten Computer und den Alltag im Büro.

Foto: Privat. © HfG-Archiv / Museum Ulm

Sie blieb 16 Jahre lang Rotis treu: Die Bauzeichnerin Reinfriede Bettrich, geborene Wägele, war gerade 18, als sie 1975 von Otl Aicher angestellt wurde. Fortan war sie für Ausarbeitung und Qualität der hochgerühmten Zeichnungen zuständig.

Du bist wohl diejenige, die über den längsten Zeitraum hinweg im Büro Aicher in Rotis gearbeitet hat. Über welche Zeit reden wir?

Von 1975 bis 1983 war ich ganztägig in Rotis beschäftigt. Dann bis 1991 arbeitete ich als freie Mitarbeiterin wöchentlich ein bis zwei Tage im Büro.

Wie kam’s dazu?

Ich war nach der Lehre mit 18 Jahren in Leutkirch als Bauzeichnerin bei einem Architekten beschäftigt, aber das lag mir nicht so. Über eine Bekannte erfuhr ich, dass in Aichers Büro in Rotis jemand für sechs Monate gesucht wird. Da hab‘ ich gedacht: Das mach‘ ich. Ich fuhr also hinaus und traf dort einen Mann in hohen Gummistiefeln und fragte, wo der Herr Aicher sei. Der steht vor ihnen, war die Antwort und ich dachte: oh Gott, oh Gott. Aber das legte sich schnell. Er war mir sympathisch, fragte nicht nach Zeugnissen – und so bin ich hängengeblieben.

Womit hat Deine Arbeit begonnen?

Mit Piktogrammen. Da gab es das Grundraster und dann Handskizzen von Otl oder Alfred Kern, seiner rechten Hand; die musste ich auf das Raster umsetzen. Man bekam Übung, die Skizzen wurden flüchtiger, es begann, Spaß zu machen!

Wie wurde gezeichnet?

Mit Tusche und Schiene, Zirkel und Kurvenlineal. Es gab ein einheitliches Format, nicht 21 x 30 Zentimeter wie DIN A4, ich meine es war 18 x 18 Zentimeter. Das war schon aufwendig. Anfangs ging es um Sport, dann kamen Gewerbe, Klinik und andere Bereiche mehr. Auftraggeber waren der Flughafen Frankfurt, später das Unternehmen ERCO. Dazu kamen immer mehr Reinzeichnungen für die anderen Grafiker im Büro. Die Belegschaft wuchs von wenigen Mitarbeitern Mitte der Siebzigerjahre auf schließlich gut ein Dutzend. Anfangs war es vor allem Alfred Kern, später kamen dann Robert Probst, Heinz-Peter Lahaye, Sepp Landsbeck, Bertold Weidner und andere, dazu die Sekretärinnen. Oder jemand wie Andreas Schwarz, der mehr schrieb. Gezeichnet habe ich für die genannten Projekte sowie Raiffeisen, Isny, EVS, BMW, König Pilsner, Bulthaup, Bayerische Rück, darunter die Zeichnungen für Kritik am Auto und das Fahrradplakat. Wo es mehr um Farben ging, war ich kaum beteiligt, also bei West LB, Sparkasse. Oder Dresdner Bank, für deren Zentrale in Frankfurt zahllose Variationen für farbige Teppichbeläge entstanden.

© Florian Aicher.

© Florian Aicher.

© Florian Aicher.

© Florian Aicher.

Wie sah die Arbeit mit Otl aus?

Anfangs gab’s genaue Vorgaben; je mehr ich reinkam, umso lockerer wurden die. Oft waren es nur noch schnelle Skizzen. Dann war ich dran. Das Ergebnis wurde an die Holzwand gepinnt, angeschaut, beurteilt – eine klare Arbeitsteilung, mit der ich nie Probleme hatte. Einige Zeit haben die Bildzeichen für Isny in Anspruch genommen, immerhin 125. Da sind einerseits die ganz freien Sachen, die Föhn-Wolken etwa; da gab’s ganz genaue Vorgaben. Da hat er sich, oft auch nach Feierabend im privaten Wintergarten, hingesetzt und das entworfen. Oder er begann – während einer Besprechung – zu skizzieren. Das ist in seinem Kopf entstanden. Anders war es etwa bei den Stadtansichten, den Häusern und Türmen; da bin ich hingefahren, habe fotografiert, selbst vorgezeichnet, besprochen und reingezeichnet. Es gab dann 1981 die Ausstellung über Isny im Landesgewerbemuseum Stuttgart. Das sollte Probst machen, der dann aber den Ruf in die USA erhielt. Da sagte Otl: Reinfriede, das müssen jetzt Sie – wir blieben immer beim Sie – machen. Darauf ich: Das trau ich mir nicht zu. Darauf er: Ich auch nicht. Und dann haben wir’s gemacht. So ging das. Dann hat man Material gesammelt, der Siebdruck kam vom Grafiker Kämmer drei Dörfer weiter, und rechtzeitig wurde alles fertig.

„Sitzfleisch hat Otl Aicher nicht viel gehabt. Die frische Luft hat er gebraucht; allein sein in der Natur, das hat ihn inspiriert.“

Wie sah der Arbeitsalltag in Rotis aus?

Morgens ging’s los, um acht, pünktlich. Da war Otl streng und konnte stinksauer werden, wenn jemand zu spät kam. Mancher musste das lernen. In die Woche ging‘s mit der Montag-Morgen Besprechung los. Wir saßen am großen Tisch, die ganze Runde. Zuerst wurde aufgetischt, was schlecht gelaufen war, dann wurde gelobt. Dann kamen alle Projekte dran, die Arbeit der kommenden Woche wurde besprochen und jeder wusste, was er zu tun hatte. Der zweite Fixtermin war Freitag, 15 Uhr. Da hieß es: Schluss mit der Arbeit an den Projekten und – Aufräumen. Zwei Stunden, um am folgenden Montag die Woche mit leerem Schreibtisch beginnen zu können. Dann gab’s je nach Stimmung ein Wochenendbier auf Kosten des Hauses. Die Arbeitszeit von acht in der Früh bis fünf am Nachmittag hat nicht immer gereicht. Dafür bekamen wir zwischen Weihnachten und Heilig Drei Könige frei ohne Anrechnung auf Urlaubsanspruch. Stunden wurden nicht aufgeschrieben, in der Regel war spätestens um 18 Uhr Feierabend. Gelegentlich, bei Termindruck, wurde aber auch bis in die Dunkelheit gearbeitet.

War Otl häufig unterwegs?

Ja, im Schnitt zwei Tage in der Woche. Häufig kamen auch Gäste nach Rotis. Dann war er viel im Gelände, im Garten. Die zwei bis drei Hektar wurden anfangs auf Englischen Rasen getrimmt, das Mähen war lange sein Ding, das war alle zehn Tage nötig. Später kam der große Gemüsegarten hinzu, dann aber mit Helfern. Ja, Sitzfleisch hat er nicht viel gehabt. Die frische Luft hat er gebraucht. Allein sein in der Natur, das hat ihn inspiriert. Und mit einem Mal kam er ins Büro, hat eine Skizze gemacht, überlegt, dran gearbeitet, und weg war er wieder …

Einkaufsmöglichkeiten liegen ja kilometerweit entfernt. Wie hat man sich da verpflegt?

Es gab ein Mittagsessen in der Rotisserie, dem Versammlungsraum, zu einem sehr günstigen Preis; anfangs zwei Mal wöchentlich, später täglich. Die Meisten haben teilgenommen. Die restliche Stunde verbrachte jeder wie er wollte; ein Großteil hat an Tischtennis- oder Federballtournieren teilgenommen, mit Alfred Kern als Initiator. Gelegentlich, wenn Wetter und Arbeit es erlaubten, gab es ein Feierabendbier bei Schnittlauchbrot oder Rettich oder man besuchte mit Otl Biergärten in der Nähe oder eine alte Kegelbahn. Einmal im Jahr gab es einen Betriebsausflug in die nähere Umgebung; und das Maibaumaufrichten war immer ein kleines Fest.

Zurück ins Büro – wann hat sich Dein Wirkungskreis von der Schwarz-Weiß-Zeichnung zur Farbe hin erweitert?

Das begann mit der Arbeit an der Ausstellung über den Philosophen Wilhelm von Ockham um 1984. Da haben wir Farbe intensiv eingesetzt. Das Handwerkliche war eine Herausforderung: Es begann mit Skizzen der Figuren, die ich in Reinzeichnung umgesetzt habe. Dann kam die Farbe dazu, nach einem genauen Konzept von Otl mit entsprechenden Farbgruppen. Die wurden mit Farbpapieren zusammengestellt, einem riesigen Fundus in feinsten Abtönungen, ergänzt durch speziell angedruckte Bögen. Anfangs war Otl ständig dabei, bis dann Sophie von Seidlein und ich sicherer wurden.

Dann habt ihr selbständig weitergearbeitet?

Es genügte, wenn er sagte: Das im Rot-Ton, dies im Grün-Ton. Dann ging es selbständig weiter. Dann erfolgte wieder eine Kontrolle, eine Korrektur, bis es passte. Das war ein richtiges Miteinander. Der nächste Schritt war die passgenaue Fügung der farbigen Figuren. Dazu legt man auf dem Leuchttisch die Zeichnung und die beiden Farbpapiere übereinander und schneidet mit dem Skalpell die Konturen nach. Die beiden Gegenstücke sollten so exakt zusammenstimmen und werden dann mit Sprühkleber fixiert. Und das bei mehreren Dutzend Farben je Tafel und insgesamt 36 Tafeln – heute unvorstellbar!

Heute würde das am Computer komponiert. Wann hielt der in Rotis Einzug?

Als wir die Schrift Traffic für den Flughafen München zeichneten, Anfang der Achtzigerjahre, kamen die Computer. Monika Schnell war darin bald fit und sie hat dann die Schrift Rotis bearbeitet. Ich bin dann mit meiner Familie nach Pfronten gezogen, 60 Kilometer entfernt. Als ich Otl sagte, dass ich nach dem laufenden Projekt aufhören muss, war seine Antwort: Das geht nicht. Nach 14 Tagen, zurück von einer Reise, hieß es: Wir müssen reden. Seine Ansage war: Selbständig arbeiten können Sie ja, Sie kommen einen Tag wöchentlich nach meinem Terminkalender hierher und schaffen ansonsten zuhause. So haben wir’s gemacht, acht Jahre lang.

Das klingt im Großen und Ganzen recht sonnig. Gab’s keine Schatten?

Doch, da gab es seine gesundheitlichen Ausfälle. Kam morgens vom Wohnhaus die Info, er komme heute nicht, dann war klar, was los war. Oft war das nach Reisen – die machten ihm zunehmend zu schaffen. Es gab Phasen, da fiel er viel aus, oft mehrere Tage; einmal im Monat war die Regel. Und dann dauerte es, bis er wieder obenauf war. Das hat auf die Stimmung gedrückt. Wenn’s Probleme gab, war das spürbar; geredet wurde ja darüber so gut wie nicht. Wenn er in der früh ins Büro kam und kein Wort fiel, war klar: heute Vorsicht! Es gab Zeiten, da hielt das lange an. Auch konnte er manchmal laut werden, wenn’s nicht nach ihm lief. Ich hatte auch in den anderen Gebäuden zu tun und konnte da ausweichen.

Gelegenheiten gab’s genug: Neben Deinem Arbeitsplatz im Hauptbüro die Arbeit am Repromaster im Fotoatelier, Besprechung in der ehemaligen Druckerei, Zeichenarbeit im Atelier über den Garagen. Du hattest ja eine Sonderstellung, vielleicht kann man es so sagen: Du hattest Distanz zum Entwerfen.

Ich habe für mehrere Projekte und Bearbeiter gezeichnet. Ich war Mädchen für alles, habe mit der Zeit schnell begriffen, worauf es ihm ankam, habe seinen Unmut selten mitbekommen. Er sagte mal: Reinfriede ist eine begnadete Zeichnerin. Das war schon was! Ein andermal meinte er: Ihr Kind kann jeder aufziehen, aber ihre Zeichnungen kann keiner machen. Das sehe ich ganz anders, war meine Antwort – das hat Diskussionen ausgelöst.

Für nicht wenige Mitarbeiter hatte ihr Abgang aus Rotis einen bitteren Beigeschmack.

Das gab es. Im Detail weiß ich davon wenig. Ich erinnere mich an das Ende von Andreas Schwarz, da gab’s Spannungen. Und als Alfred Kern seinen Wunsch, auf eigenen Beinen zu stehen, kundtat, ist Otl aufgestanden und wortlos aus dem Büro gegangen und kam ewig nicht wieder.

Was hat ihn so getroffen?

Kern war eine herausragende Figur, seit den 1960er Jahren dabei, Ulm, München, Rotis, seine rechte Hand bei vielen Projekten und dem Sozialleben im Büro.

Darf man da nicht eine andere Resonanz erwarten?

Da entstand wohl eine tiefe Verletzung bei jemandem, der nach langer Zeit selbstlosen Einsatzes eigene Wege gehen wollte. Das war bei mir ganz anders. Mit Abstand würde ich sagen: Es war eine strenge Zeit, es war eine schöne Zeit, wir haben viel geleistet und ich bin froh und stolz auf diese Zeit, die möchte ich nicht missen.

Reinfriede Bettrich, geborene Wägele, *1957 in Leutkirch, Aufgewachsen in Aichstetten, im Weiler Breitenbach bei Leutkirch in der Nachbarschaft mit 17 Bauernkindern, sieben Kilometer von Rotis entfernt. Nach ihrer Schulausbildung machte sie eine Bauzeichnerlehre. Im Alter von 18 Jahren wurde sie im Büro Aicher angestellt. 1983 zog sie nach Pfronten und arbeitete fortan freischaffend für Aicher tätig bis zu dessen Tod 1991. Seit 1997 betreibt sie mit Ihrem Mann in Pfronten das Unternehmen wasser&wärme bettrich Installateurbetrieb und vermietet Ferienwohnungen in einem ehemaligen Bauernhaus.

Florian Aicher, *1954 in Ulm, ältester Sohn von Otl Aicher, Studium der Architektur an der Staatsbauschule Stuttgart, Praktikum in Buffalo/USA, dann drei Jahre Berufspraxis bei Werner Wirsing, München. Ab 1981 selbständig; neben Planung im Bereich Hochbau, Entwurf von Möbeln, Lehrtätigkeit an Hochschulen in Deutschland und Österreich; zuletzt an der Fachhochschule Kärnten. Journalistische Tätigkeit. Veröffentlichungen in internationalen Zeitschriften und Büchern, zahlreiche Publikationen zu den Bedingungen für das Gelingen von Architektur. Lebt seit 2005 in Rotis, Allgäu.