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„Eine völlig verrückte Geschichte”

Gerrit Terstiege befragt Jürgen Werner Braun zu seiner Zusammenarbeit mit Otl Aicher

© FSB

Jürgen Werner Braun, langjähriger Geschäftsführer des Tür- und Fensterbeschläge-Herstellers FSB, verbindet mit Otl Aicher eine fruchtbare, nicht immer einfache Zusammenarbeit, die das Unternehmen bis heute prägt. Im Gespräch erinnert sich Braun an besondere Begegnungen mit Aicher – und verrät, welcher Zufall ihn zu dem großen Gestalter führte.

Herr Braun, Sie gehören zu einem kleinen Kreis von Unternehmern, die auf intensive Jahre mit Aicher zurückblicken können. Doch wie man weiß, baute Aicher gern Hürden auf, bevor er einen Gestaltungsauftrag annahm. Auch Ihnen ging es so. Dass ein Manager und CEO weite Wege auf sich nimmt, um zu einem Designer zu kommen und sich tagelangen Diskussionen über sein Unternehmen stellt, scheint heute fast undenkbar.

Da haben Sie Recht. Aber ich habe ihn einfach als Gesprächspartner gebraucht. Er hat mir den Rücken gestärkt. Ich hieß ja in der Branche bald „Professor Türklinke”, weil ich das branchenübliche Wort „Türdrücker“ nie benutzte. Als geborener Berliner bin ich halt mit Türklinken aufgewachsen. Mit Aicher hatte man jemanden, mit dem man über solche Lappalien diskutieren konnte. Und je mehr man im beruflichen Umfeld in die Kritik kam, desto besser fand er das. Ich bin aber zumindest zweimal bei ihm herausgeflogen, weil er sich über mich geärgert hatte. Er wollte dann eine Zeit lang nicht mehr mit mir sprechen.

Man konnte schnell aus seiner Gunst fallen.

Richtig. Natürlich hat er einen respektiert. Aber ich habe in solchen Fällen ein Schreiben von ihm bekommen mit dem Inhalt: „Ich möchte Sie hier in Rotis für einen längeren Zeitraum nicht mehr sehen.” Grund genug, in sich zu gehen und zu überlegen, wie man die Tür wieder öffnen könnte. Hatte man den Stein der Weisen mit einem ungewöhnlichen Anliegen gefunden oder mit einer besonderen Frage, dann hieß es: „Ja, kommen Sie mal in zwei Wochen Donnerstag und Freitag nach Rotis.” Dann bin ich zu ihm gereist, aber nicht ohne vorher in Randersacker meinen Kofferraum mit Steinwein zu füllen. Herrn Aicher war bereits bei meinem ersten Besuch aufgefallen, dass es in meinem Wagen verdächtig klapperte. Als ich dann den Kofferraum öffnete und er sah, was ich geladen hatte, hieß es: „Die Hälfte konfisziere ich im Namen der freien Republik Rotis!” Das war kameradschaftlich gemeint – und hatte auch etwas von einem kleinen Diktator, wenn man so will. (lacht) Wenn ich ihn in Rotis besuchte, habe ich immer eine oder zwei Personen aus meinem Unternehmen mitgenommen. So hatten nach ein paar Jahren immer mehr Kolleginnen und Kollegen das Gefühl, dass auch sie Freunde von Otl Aicher waren. Er hat uns alle gleich behandelt.

Wie haben Sie überhaupt von Aicher erfahren?

Das ist eine völlig verrückte Geschichte. Auf einem Flug von Lyon nach Frankfurt. In einer kleinen Maschine – es gab auf jeder Seite nur eine Sitzreihe – saß rechts von mir ein Herr der sah, dass ich einen DIN A5-großen, bibel-formatigen Katalog dabei hatte. Er bat mich, den mal ansehen zu dürfen. Ich reichte ihm den Katalog und arbeitete weiter. Als wir uns Frankfurt näherten, fragte er mich, warum auf den Seiten eine Art Nebel läge. Es stellte sich heraus, dass die Druckqualität gelitten hatte, weil wir die bestehenden DIN A4 Lithografien einfach verkleinert hatten und durch die Rasterüberlagerung ein Moiré-Effekt entstanden war. Alles böhmische Dörfer für mich. Der Mitreisende kommentierte lakonisch: „Ich merke: Sie wissen offenbar nicht, wie man anständige Kataloge macht. Sie brauchen einen Berater.”

„Aicher hatte auch etwas von einem kleinen Diktator, wenn man so will“

Der kluge Rat kam von Klaus Jürgen Maack, dem Geschäftsführer der Firma ERCO, der übrigens auch eine Druckerei besaß. Wir hatten dann noch etwas Zeit, nach dem Flug eine Tasse Kaffee zu trinken und ich fragte ihn, an wen er denn als Berater dächte. Maack erzählte mir von Aicher und sagte, dass er in ein paar Wochen wieder nach Rotis fahren würde und bot an, Aicher den Katalog zu zeigen. Nach dem Treffen rief mich Maack an und ermunterte mich: „Aicher hat ein gewisses Interesse gezeigt. Überlegen Sie sich, was Sie mit ihm besprechen möchten und versuchen Sie Ihr Glück.” Ich bin vier Wochen später nach Rotis gefahren und wurde vier Stunden von Aicher ausgefragt. Am Schluss sagte er zu mir: „Jetzt fahren Sie zurück ins Weserbergland und denken darüber nach, was Sie eigentlich wollen. Ich bin kein Firmenanstreicher. Sie haben anscheinend einen eingeschlafenen Betrieb übernommen und müssen erstmal das Produktportfolio durchkämmen. Wenn Sie ein konkretes Konzept haben, machen wir den nächsten Termin.“

Nach so einer Ansage ist man irritiert.

Das war ich. Ich habe Herrn Maack angerufen und er meinte sofort: „Das hätte ich Ihnen voraussagen können. Aicher ist so. Das ist nicht nur Ihnen passiert! Wichtig ist allein: Sie dürfen wieder kommen!”. (lacht) Ein weiterer Zufall brachte mich wenige Wochen später auf eine Idee. In der Düsseldorfer Filiale der Buchhandlung Walther König suchte ich nach einem Geburtstagsgeschenk für einen befreundeten Architekten. An der Kasse lag ein Büchlein über Handlesekunst – etwas, das ich wirklich nicht erst nehme. Aber mir ist in dem Moment klar geworden: Wir stellen in Brakel Produkte für die Hand her! Da habe ich nach weiteren Büchern gefragt über Dinge, die man in die Hand nimmt: Faustkeile, Krückstöcke, Tabakpfeifen, Griffe an Sportgeräten. Ich habe König mit 20 Büchern verlassen, aus dem Bildmaterial einen Dia-Vortrag zusammengestellt und mit Aicher einen Termin abgesprochen. Mit meinem Bücherschatz bin ich dann nach Rotis gefahren und habe ihm alles gezeigt. Er blätterte durch die Bücher und meinte dann: „Ja, das ist ein Mauseloch. Da müssen wir jetzt mal reinkriechen und sehen, was wir daraus machen.” Er nahm ein Blatt Papier zur Hand, entwarf einen konkreten Arbeitsplan von 1986 bis 1990 und verkündete: „Wir machen ab sofort jedes Jahr ein Buch.” Ich gab zu bedenken: „Aber wir brauchen doch einen neuen Katalog.” Darauf Aicher: „Ja, ein wenig Geduld, das kommt schon; nebenher. Erstmal machen wir ein Buch über Greifen und Griffe. Jetzt gehen Sie nach Hause und konzipieren das erste Buch.” Erst viele Jahre später begriff ich, dass Otl Aicher und seine Philosophie des Machens keinen anderen Weg zuließ. Zumindest wurde ich auf diesem Weg meinen Spitznamen los, aus „Professor Türklinke“ wurde nun „ein Verlag mit angeschlossener Fertigung von Türklinken.“ (lacht)

© FSB

Aicher wollte nicht einfach Ihre Produkte inszenieren, sondern die Klinke als kulturhistorisches Artefakt reflektieren – mit der Jahrtausende alten Geschichte der Dinge, die der Mensch zum Greifen und Halten entworfen hat. Die Klinke als Werkzeug betrachtet – mit ihrer ganz eigenen Ergonomie und Ästhetik.

Ja. Und er schrieb dann ein Essay für uns, in dem er das Zusammenspiel von Hand und Wort im Verlauf der Evolution erläuterte. Bis heute denken wir gewissermaßen in der Sprache der Hände, wenn wir etwas „darlegen”, eine Theorie „aufstellen”, etwas „begreifen“. Wenn man so etwas liest, ist man natürlich begeistert, weil es einen neuen Blick auf das eigene Tun eröffnet.

Aber ich kann mir vorstellen, dass Aicher in den Jahren Ihrer Zusammenarbeit nicht mit allen Ihren Entscheidungen einverstanden war. Sie hatten zum Beispiel Alessandro Mendini eingeladen, Entwürfe für FSB zu machen. Mendinis ironischer Umgang mit einem historischen Vorbild, einer bewusst schlichten Gropius-Klinke, wurde zum postmodernen Spaß. Er nutzte für den Griff Terrazzo mit bunten Einsprengseln. Ein so kluger wie ironischer Verweis auf den Pointillismus wie bei seinem Proust Chair. Gleichzeitig machte sich Mendini damit über den Funktionalismus lustig …

Na, immerhin hat Aicher die einmalige Chance bekommen, bei uns sein Essay „Der nicht mehr brauchbare Gebrauchsgegenstand” zu veröffentlichen. Mendini hat er natürlich auf dem Kieker gehabt. Als Reaktion hat Aicher Mendini gezeichnet und noch mit bunten Punkten dekoriert. Er gab mir das Bild mit den Worten: „Hier haben Sie Ihren neuen Heiligen: Herrn Terrazzorini!” (lacht) Als Mendini 60 wurde, habe ich das Motiv vergrößert, die Linien nachgezeichnet, die bunten Punkte aufgefrischt und ihm das Bild geschenkt. Er hat sich sehr darüber gefreut.

Ein anderer berühmter Designer, den Sie für FSB gewinnen konnten, dürfte bei Aicher keinen Widerspruch erzeugt haben: Dieter Rams.

Richtig, die beiden kannten sich aus der Zeit bei Braun, als das damals im Frankfurter Raum ansässige Unternehmen mit der HfG Ulm kooperierte. Aber Aicher und Rams hatten sich bestimmt 20 oder 30 Jahre lang nicht gesehen als ich vorschlug, dass Rams mal Rotis besuchen könnte – was er ohnehin vorhatte. Aicher hatte da sofort einen Wunsch: „Er soll aber mit dem Porsche kommen!” Als der Termin feststand, habe ich einen Mitarbeiter gebeten, an dem Tag in Rotis Präsentationstafeln mit Klinken, Texten und Fotos von unserem Workshop aufzubauen.

© FSB

So wurde FSB zum Fokus des Treffens zwischen Aicher und Rams. War das Ihr Hintergedanke?

Genau. Aicher hatte seine schriftliche Kritik über die nicht mehr brauchbaren Gegenstände ohne reale Kenntnis der Ergebnisse unseres Workshops in Brakel erstellt. Ich durfte bei dem Gesprächs-Rundgang von Aicher und Rams nicht teilnehmen. Aber Sepp Landsbek, einer der Mitarbeiter von Aicher, gesellte sich dazu und schrieb auf, was die beiden miteinander sprachen.

Die von Rams für FSB entworfenen Klinken kenne ich aus seinem Haus in Kronberg. Dieses Haus ist einer der wenigen Orte in Deutschland, der in der Designwelt ähnlich legendär wie Rotis ist. Und für seine FSB-Klinke zitierte Rams die Material- und Farb-Kombination Metall/Kunststoff beziehungsweise Silber/Schwarz, die lange Zeit typisch für Braun war.

Stimmt. Aber jetzt muss ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen, die mich völlig überrascht hat: Ich parke eines Morgens meinen Wagen in Rotis, richte meine Sachen, um ins Wohnhaus der Aichers hinüber zu gehen – plötzlich hält ein Wagen mit Schweizer Kennzeichen gleich neben mir, mit zwei Männern darin. Der jüngere steigt aus, streckt mir seine Hand entgegen und sagt: „Guten Tag, Jürgen Braun.” Meine Reaktion: „Hallo, woher kennen Sie meinen Namen?“ – „Den hat mein Vater Erwin für mich ausgesucht.” (lacht) Aicher war hinzugekommen und hatte die ganze Szene mitbekommen. Sein Kommentar: „Na, da findet ja heute in Rotis ein großes Familientreffen statt!“ Diesem Zufall verdanken wir, dass wir auf Anregung von Otl Aicher die Kopie eines Briefes erhielten, in dem Dieter Rams seinem Chef Erwin Braun Erinnerungen an die ersten Jahre bei Braun schildert. Dieses Dokument fand später Eingang in unser Buch über unseren Industriedesigner Johannes Potente.

Jürgen Werner Braun, geboren 1938 in Berlin, studierte Rechtswissenschaften in Bonn und Paris. Der Volljurist entschied sich für eine Karriere in der freien Wirtschaft und wurde nach verschiedenen Stationen 1977 Geschäftsführer des Herstellers von Tür- und Fensterbeschlägen Franz Schneider Brakel. Braun baute FSB als Designmarke auf. 2001 verließ er das Unternehmen. Anschließend war Braun als Wirtschaftsanwalt in Beiräten von Familienunternehmen und Hochschulen tätig.